"Das wäre eine Entmündigung des Vorstandes"

Präzisiert seine Ausführungen: 96-Boss Martin Kind. (Foto: T. Oberdorfer)

Interview mit 96-Chef Martin Kind vor der Mitgliederversammlung

Von Thomas Oberdorfer

Großburgwedel. .Zoff mit den Ultras, die 50+1-Regelung, aber auch eine mehr als respektable Saison – Themen für die Mitgliederversammlung von Hannover 96 am kommenden Donnerstag (18 Uhr in der Swiss Life Hall) gibt es – auch wenn es dort eigentlich nur um den Verein geht - mehr als genug. Im Gespräch lässt 96-Chef Martin Kind die vergangenen zwölf Monate Revue passieren.

Die Mitgliederversammlung im vergangenen Jahr verlief chaotisch. Wiederholt sich das nun?

Nein. Die Sitzung im vergangenen Jahr war unkontrolliert, emotional und 96 nicht angemessen. Dieses Jahr wollen wir ein neues Veranstaltungsformat etablieren. Die Mitglieder sollen wissen, dass es sich lohnt, zur Versammlung zu gehen. Wir wollen die Attraktivität des Breiten- und Amateursports herausheben.


In einem Antrag geht es um eine Satzungsänderung. Im Kern sollen dabei Entscheidungsbefugnisse vom Vorstand auf die Mitgliederversammlung verlagert werden. Wird das der Knackpunkt der Versammlung?

Kommt so ein Antrag durch, bräuchten wir jede Woche eine Mitgliederversammlung. Das wäre eine Entmündigung des Vorstandes. Ich kann nur empfehlen, dem nicht zuzustimmen.


Befürchten Sie, dass der Antrag verabschiedet werden könnte?

Nein. Für eine Satzungsänderung braucht man eine 2/3-Mehrheit. Die sehe ich nicht.


Sie sprachen von Änderungen bei der Durchführung der Mitgliederversammlung. Was ändert sich?

Wir werden unsere Profimannschaft einbeziehen. Hannover 96 hat 16 Abteilungen. Unsere Profis werden sie vorstellen. Wir wollen die Leistungen in diesen Abteilungen wertschätzen. Da wird tolle, ehrenamtliche Arbeit geleistet. Die, die das machen, haben ein Recht darauf, dass diese Arbeit auch gewürdigt wird.


Legt Hannover 96 den Fokus wieder stärker auf den Amateurbereich?

Wir tun immens viel in diesem Bereich. Zum Beispiel das neue Vereinssportzentrum, das wir an der Stadionbrücke bauen. Das ist nicht nur ein neuer Sitz für die Vereinsverwaltung, das wird ein Leuchtturmprojekt für den Breitensport. Es enthält unter anderem zwei Sporthallen und einen großen Gesundheits- und Fitnessbereich. Da investiert der Verein zehn Millionen Euro, und wir eröffnen das Haus noch in diesem Jahr. Und: Hannover 96 wird von außen vor allem als Fußballverein wahrgenommen. Auch da werden wir den Amateurbereich stärken.


Was planen Sie?

Derzeit hat Hannover 96 eigentlich nur Profimannschaften beziehungsweise im Jugendbereich sind es Teams, in denen die Spieler klar das Ziel einer Profikarriere vor Augen haben. Wir werden wieder Breitensport im Jugendbereich anbieten und versuchen, auch eine 3. und 4. Herrenmannschaft aufzustellen.


Zu den Profis. Wie ist aus Ihrer Sicht die Saison gelaufen?

Wenn wir mal die Situation um den Stimmungsboykott eines Teils der aktiven Fanszene ausblenden, dann war das eine gute Saison. Wir haben eine echte Mannschaft ohne Quertreiber in ihren Reihen und wir haben mit André Breitenreiter einen tollen Trainer. Er hat das Gespür für das Team, ist konsequent mit guten Sensoren für alle Themen. Solch einen Coach braucht man.


Haben Sie keine Angst, dass andere Vereine ihn abwerben könnten?

Wir haben mit ihm einen Vertrag bis 2019. Verträge sind dafür da, dass sie erfüllt werden, außerdem identifiziert sich der Trainer voll mit 96 und der Region. Ich würde einem Verkauf auch nicht zustimmen. Diese Linie habe ich Ende des vergangenen Jahres auch beim Kölner Interesse an Horst Heldt deutlich gemacht. Wir werden uns bei Zeiten mit André Breitenreiter zusammensetzen und über die weitere Zukunft sprechen.



Ist 96 nach dem Sieg gegen Bremen schon gerettet?

Nein. Wir könnten noch ein paar Punkte gebrauchen.



Das Restprogramm der Roten hat es in sich. Wo wollen Sie punkten?

Realistisch sehe ich noch vier Punkte für uns. In den Spielen gegen den VfB Stuttgart und gegen Hertha BSC. Aber warum nicht auch noch woanders?



Im Spiel gegen Stuttgart kommt es zu einem Wiedersehen mit Ex-Coach Tayfun Korkut und seinem Co-Trainer Steven Cherundolo.

Man kann ja fast sagen, Stuttgart lebt dank Hannover 96 wieder (lacht). Die beiden machen da einen guten Job. Tayfun Korkut ist ein toller Charakter. Ihm hat Hannover 96 viel zu verdanken.



Und warum dann die Trennung?

Hannover war seine erste Bundesligastation. Er hat manches zu dogmatisch gesehen. Aber er hat in Kaiserslautern und dann in Leverkusen viel dazugelernt und ist heute ein richtig guter Trainer.



Zum Abschluss ein kleiner Blick in die Zukunft. Wie geht es mit 96 und den Ultras weiter?

Das war für uns eine schwere Saison mit den Ultras. Aber das wird sich so nicht wiederholen. Wir brauchen ein Stadion, das hinter der Mannschaft steht. Den Ultras geht es doch hauptsächlich um meine Person, da ist es schade, dass die Mannschaft nicht die Unterstützung bekommt, die sie verdient hat. Mein Angebot: Ich stehe ihnen wöchentlich für zwei Stunden für Gespräche zur Verfügung.



Und im Stadion?

Gegen Bremen war das schon richtig gut. Da waren 49000 Zuschauer im Stadion. Davon 5000 Gäste-Fans und vielleicht 1000 aus der Fanszene – bleiben 43000 Besucher. Das ist die ganz große unorganisierte Mehrheit. Und die beginnt sich nun zu organisieren, wird immer hörbarer. Diese Fans müssen wir unterstützen. Darauf werden wir in der nächsten Saison unser Augenmerk legen.