Eine menschliche Tragödie im Irak

Sammeln eifrig Spenden (von links): Michael Koch, Handwerkskammer Niedersachsen, Professor Hüseyin Bektas, MHH, Professor Klaus D. Döhler, Curatis Pharma, und Michael Lüttge, Präsident Rotary-Club Wedemark-Langenhagen.Foto: D. Lange

Rotary-Club ruft zu weiteren Spenden für die Flüchtlinge auf

Langenhagen/Wedemark. Eine Delegation kurdischer Ärzte aus Schweden, England, Deutschland und der Türkei, unter ihnen Professor Hüseyin Bektas, Chirurg für Allgemein- und Transplantationschirurgie an der MHH, reiste im August 2014 in den Nord-Irak, um dort im Süden der autonomen Region Kurdistan dringend benötigte humanitäre und medizinische Hilfe zu leisten. Die Hilfsaktion für die Menschen in dieser Region, die von einem Kamerateam des ZDF begleitet und in mehreren Beiträgen dokumentiert wurde, wurde von deutscher Seite unter anderem durch die Spenden des Rotary-Club Langenhagen-Wedemark, das Land Niedersachsen, das 200.000 Euro an Spenden aufgebracht hat sowie auf Grund zahlreicher Einzelspenden finanziert. Allein 5.000 Euro kamen spontan im Anschluss an einen Vortrag von Professor Bektas zusammen, den er auf einer Veranstaltung des Rotary-Club gehalten hatte. Davon wurde Babynahrung für 5.000 Babys beschafft und 6.000 Paar Kinderschuhe für die etwas älteren Kinder, die als Folge der Vertreibung in aller Regel keine Winterbekleidung besitzen. In dieser Jahreszeit kann es in der nördlichen Bergregion bereits empfindlich kalt werden und der eigentliche Winter kommt erst noch. In die Region Kurdistan sind allein im August dieses Jahres
630. 000 Menschen nur mit dem, was sie am Körper trugen, vor den Angriffen der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) geflohen. Hunderte von Zivilisten wurden von den Truppen des IS getötet und Frauen wurden verschleppt und vergewaltigt. Yeziden, Christen, Turkmenen und Araber liefen um ihr Leben und flüchteten in einem 8tägigen Fußmarsch vor den Terror-Truppen vom Sinjar-Gebirge über Syrien in die Provinz Dohuk, in der zur Zeit über 1,2 Millionen Flüchtlinge leben. Diese verzweifelten und traumatisierten Menschen mit allem Notwendigen zu versorgen, ist eine Aufgabe, die die kurdische Regionalregierung nicht alleine stemmen kann, zumal sie aus Bagdad trotz verfassungsrechtlicher Verpflichtung keine finanzielle Unterstützung mehr erhält und daher dringend auf internationale Hilfe angewiesen ist. Überschlägig würden allein für die medizinische Versorgung etwa.15 Millionen Dollar benötigt. Für die Akuttherapie seien zwar genügend Medikamente vorhanden, für die Behandlung chronischer Krankheiten aber gebe es in allen Flüchtlingscamps erhebliche Versorgungsengpässe. Es fehle an so elementaren Dingen wie Kleidung, Betten, Decken und Matratzen. um derartige Krankheiten aufgrund der klimatischen Verhältnisse gar nicht erst entstehen zu lassen. Das war die Situation, die Professor Bektas und seine Kollegen, die für den Einsatz alle ihren Urlaub genommen hatten, vor Ort vorfanden. Jeder der Ärzte hatte während des zweiwöchigen Einsatzes 250 bis 300 Patienten pro Tag. „In dieser Situation muss man als Arzt alle medizinischen Fachrichtungen beherrschen. Gerade die Kinder sind die Leidtragenden der Flucht. Extremer Durchfall, Dehydration und Bronchitis seien bei ihnen die häufigsten Krankheiten. Den Erwachsenen geht es nicht besser: Diabetes, Arthrosen, Rheuma, Bluthochdruck und Herz- und Nierenprobleme sind am häufigsten anzutreffen“, berichtete Professor Bektas im Rahmen eines Gesprächs mit Mitgliedern des Rotary- Clubs Wedemark-Langenhagen, das aus gegebenem Anlass in den Räumen der Curatis Pharma stattfand, dessen Geschäftsführer Professor Klaus Döhler ebenfalls Rotarier ist. Auf einen solch riesigen Ansturm von Flüchtlingen im Nord-Irak war niemand vorbereitet und hätte wohl jedes Land überfordert. Wenn sie nicht in Schulen oder Sporthallen untergebracht sind, leben die Menschen mit
20.000 anderen in großen Camps. Die sanitären Anlagen dort sind schlecht, es mangelt an Nahrung und Wasser und eine Kanalisation ist praktisch nicht vorhanden, was zusammen mit den Unmengen an Müll, der täglich anfällt und nicht ausreichend entsorgt werden kann, in diesen Camps zwangsläufig zu erheblichen hygienischen Problemen führen muss. Viele derjenigen, die hierzulande über die „Probleme“ zur Unterbringung der Kriegsflüchtlinge diskutieren, würden die Dinge angesichts der Verhältnisse im Nord-Irak sicherlich aus einem anderen Blickwinkel betrachten.