40 bewegte Jahre im Zeitraffer

Sie sind Teil des 40-jährigen Jubiläums vom Langenhagener Verein für Sozialarbeit (von links): Sascha Jankowski (Beschäftigter des Vereins und Leitung von MAJA) und die Vorstandsmitglieder Sven Seidel, Bernd Kabutke, Andreas Albrecht und Holger Marckmann. (Foto: C. Wurm)

Offene Jugendarbeit im Verein für Sozialarbeit

Langenhagen (cow). Stolz präsentieren die heutigen Vorstandsmitglieder des Vereins für Sozialarbeit Holger Marckmann, Andreas Albrecht, Sven Seidel und Bernd Kabutke sowie Sozialpädagoge Sascha Jankowski die ehemals erstellten Chronik-Tafeln mit Zeitungsartikeln, die die Gründungsgeschichte des Vereins erzählen. Es war ein langer und vielfach auch steiniger Weg, aber in diesem Jahr kann der Verein auf 40 Jahre erfolgreiche Jugendarbeit zurückblicken und mit erhobenem Haupt nach vorne schauen.
Das Wort Rebellion steht am Anfang der Vereinsgründung, erklärt Bernd Kabutke, der bereits von 2003 bis 2006 im Vorstand war und sich der zeitgeschichtlichen Einordnung des Vereins angenommen hat. Im Jahr 1972 meldeten sich die Langenhagener Jugendlichen zu Wort und forderten, wie auch in anderen Teilen der Bundesrepublik, ein unabhängiges Jugendzentrum (UJZ). Um dieses Ziel besser zu erreichen, gründeten sie die „Aktionsgruppe Unabhängiges Jugendzentrum“. Bei Politik und Stadtverwaltung stieß die Forderung der Jugendlichen jedoch auf ablehnende Haltung und schürte Konfliktpotential.
Klein kriegen ließ sich die Aktionsgruppe nicht und so führten die Kontroversen mit der Kommunalpolitik zu signalisierenden Maßnahmen, wie einer Hausbesetzung in der Dorfstraße und einem Teach-in in der Aula der Friedrich-Ebert-Schule, um mit der Stadt über mögliche Räumlichkeiten für das UJZ ins Gespräch zu kommen. Bei einem Solidaritätskonzert im Jahr 1973 mit der Band „Ton-Steine-Scherben“ machten die Jugendlichen lautstark auf sich und ihre Forderungen aufmerksam.
Im Jahr 1974 kam es durch die Initiativgruppe „UJZ“ und die Jusos Langenhagen zur Gründung des „Verein für angewandte Sozialarbeit“. Nach einem langen Prozess politischer Auseinandersetzungen mit der Stadt, erfolgte 1976 der Einzug in die bereitgestellten Räumlichkeiten des Bunkers in der Walsroder Straße. Noch heute hat die dem damaligen Zeitgeist geschuldete basisdemokratische Einstellung Einfluss in der Vereinsarbeit. „Diese Kultur wurde lange beibehalten“, sagt Holger Marckmann, der seit neun Jahren im Vorstand des Vereins ist. In den Jahren 1976 bis 1979 gab es Phasen der Entspannung.
Zeit für einen Tapetenwechsel hieß es Ende 1985 mit dem Umzug des Vereins in das „Alte Rathaus“ am Langenforther Platz, was nach einem Ratsbeschluss in ein Haus der Jugend und des Sports umgewandelt werden sollte. Der Verein für Sozialarbeit bezog in dem umgestalteten Gebäude den rechten Flügel des Hauses zur Godshorner Straße. Immer am Puls der Zeit weitete der Verein sein Angebot aus und setzte mit zeitgemäßen Film- und Foto-Arbeitsgemeinschaften und einer aktuellen technischen Ausstattung neue Schwerpunkte in der Jugendarbeit. Holger Marckmann erinnert sich: „Damals gab es die Equila – Jugendmailbox, das ist so etwas wie die heutige SMS, nur über einen stationären Computer, und damit waren wir technisch ganz weit vorne für die Zeit“. Sogar die Industrie wurde auf die jugendlichen „Computer-Nerds“ aus Langenhagen aufmerksam und sponserte ihnen einen eigenen Messestand auf der Cebit. Mit der Equila – Jugendmailbox gehörte der Verein bundesweit zu den Vorreitern. „Das war wirklich schon außergewöhnlich für die Zeit“, so Marckmann.
Ein tiefgreifender Umbruch für den Verein für Sozialarbeit erfolgte in den Jahren 2003/04. Geprägt von einer schwierigen städtischen Haushaltslage kam es unter der schwarz-gelben Ratsmehrheit zur Kündigung des bestehenden Kooperationsvertrags zwischen der Stadt und dem Verein. Die Folge war eine radikale Kürzung des Personals. Vorher stellte die Stadt drei volle Sozialpädagogen-Stellen. Anfang 2004 mit dem neuen Vertrag musste der neu eingestellte Sascha Jankowski mit einer Teilzeitstelle das Ruder wieder umreißen. Mit einem deutlich geringeren Budget in der Tasche blieb dem Verein nichts anderes übrig, als sein Jugendangebot erheblich einzudämpfen. „Das Jugendzentrum sollte am Leben gehalten werden, auch unter veränderten, schwierigen Bedingungen“, sagt Holger Marckmann. Getreu dem Motto: „Das Jugendzentrum muss bleiben“, wie es auch auf Plakaten am Haus der Jugend zu lesen war, machte der Verein auf Sparflamme weiter. Den rechtlichen Kampf vor dem Hintergrund des Subsidiaritätsprinzips scheuten die Mitglieder, da sie die Anwaltskosten aus eigener Tasche hätten zahlen müssen.
Seit 2008 weht mit MAJA, mobile aufsuchende Jugendarbeit in Langenhagen, wieder frischer Wind. Der Verein nahm sich dem im Wahlkampfprogramm der SPD aufgeführten Streetworkprojekt an und erarbeitete ein überzeugendes sozialpädagogisches Konzept, mit dem das Projekt MAJA dem Verein zugesprochen wurde. Das Personal wurde im Rahmen des zunächst auf zwei Jahre befristeten Projektes aufgestockt und auch ein jährlicher Sachmittelzuschuss vertraglich geregelt. Mittlerweile bereichert MAJA den Verein für Sozialarbeit als dauerhaftes Angebot, das sich mit Aktionen, wie beispielsweise dem Mitternachtssport, großer Beliebtheit bei den Jugendlichen erfreut.
Nach einer turbulenten Gründungszeit und vielen Kontroversen, die über Jahrzehnte mit der Stadtverwaltung und der Kommunalpolitik ausgefochten wurde, sieht Bernd Kabutke den Umgang mit der Verwaltung und den politischen Akteuren heute als gut und konstruktiv. „Wir sind froh über den gegenseitigen vertrauensvollen Umgang.“ „Zudem haben wir bewiesen, dass wir ein verlässlicher Partner sind und unsere Zusagen einhalten. Das hat uns die Politik bestätigt“, ergänzt Holger Marckmann. Man sei zwar nicht in allen Themen immer auf einer Linie, könne sich aber vernünftig miteinander unterhalten, so Marckmann. Wichtig sei auch, die Botschaft nach außen zu tragen, dass der Verein für Sozialarbeit kein künstliches Produkt sei, sondern etwas Gewachsenes hinter dem Menschen stehen, sagt Andreas Albrecht.
Um Menschen, vor allem aktuelle und ehemalige Vereinsmitglieder, soll es auch bei der bevorstehenden 40-Jahr-Feier des Vereins im Oktober gehen. Wie es sich gehört, wird auch eine passende Band zu diesem Ereignis für beste Stimmung sorgen.
Der Verein ist weiterhin bemüht, seine Chronik zu vervollständigen und mit Bildmaterial zu bereichern. Wer aus der Gründungszeit oder der eigenen aktiven Jugendzeit Fotos besitzt, wird gebeten, sich zu melden: Telefon (0511) 73 20 21.