Alles nur halb so schlimm?

Setzten sich mit dem Thema Lärm auseinander (von links): Peter Pelz, Karlheinz & Frauke Kaese, Bernd R. Speich, Vorsitzender des Bürgerforums Pro Airport, Flughafenchef Raoul Hille, Andreas Eilers und Diplom-Physiker Bertholt Vogelsang. (Foto: D. Lange)

Referat zur Lärmwirkungsstudie NORAH

Langenhagen (dl). Dass Verkehrslärm krank macht, gilt unter Medizinern als gesichert. Depressionen und Herz-Kreislauferkrankungen mit erhöhtem Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko sind hier die häufigste Folge. Dass die im Rahmen der jüngsten Mitgliederversammlung des Bürgerforums „Pro Airport“ im Skylight-Betriebsrestaurant des Flughafens von dem Ingenieur und Physiker Bertholt Vogelsang vorgestellte NORAH-Studie (Noise-Related Annoyance, Cognition and Health) in Teilen zu einem anderen Ergebnis kommt, lässt aufhorchen. Das Ziel der Studie lag in einer repräsentativen, gesamtheitlichen Erforschung der „Zusammenhänge von Lärm, Belästigung, Denkprozessen und Gesundheit“. Die 2500 Seiten lange und zehn Millionen Euro teure Studie befasste sich mit den Auswirkungen von Verkehrslärm auf die Lebensqualität und die Krankheitsrisiken als Folge unter anderem von Bluthochdruck, auf die Schlafqualität sowie die geistige Entwicklung von Grundschulkindern. In Auftrag gegeben und zur Hälfte mitfinanziert wurde die Studie von der Gemeinnützigen Umwelthaus GmbH, einer hundertprozentigenTochter des Landes Hessen. Die andere Hälfte der Finanzierung übernahm das Land Hessen selbst und in Teilen sowohl die Lufthansa, der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport, der auch Anteile am Flughafen Hannover-Langenhagen hält sowie acht weiteren Einzelkommunen. Der Schwerpunkt der Studie umfasst das Rhein-Maingebiet rund um den Flughafen Frankfurt. Sie gliedert sich in die drei Einzelthemen Lebensqualität, Gesundheit und Entwicklung mit fünf Teilstudien. Weitere Untersuchungen wurden zudem an den Airport-Standorten Frankfurt/Main, Stuttgart, Köln/Bonn, und Berlin-Brandenburg vorgenommen. An zwei von vier Airports, Stuttgart und Frankfurt, gilt ein Nachtflugverbot in der Kernzeit von 23 bis 5 Uhr morgens. Im Fall von Frankfurt mit einigen Verspätungsausnahmeregelungen. Und warum Berlin-Brandenburg? Hier sollte der Fall eines plötzlich veränderten Lärmpegels durch Fluglärm in die Studie mit einbezogen werden. Tatsächlich konnte durch die allseits bekannten Bauverzögerungen bisher nur der jetzige Status erfasst werden. Die Teilstudie zu den Krankheitsrisiken aufgrund von Fluglärmeinflüssen stützt sich auf die Daten von rund einer Million Versicherter aus drei gesetzlichen Krankenkassen. Weiters befasste sich die Studie mit der Untersuchung zur Lesefähigkeit und Entwicklung von neun- bis elfjährigen Grundschülern. Kein Zweifel besteht zudem an einer erheblichen Beeinträchtigung der Schlafqualität derer, die in einem Nachtfluggebiet leben. Insofern bestätigt die Studie bereits bekannte Untersuchungen. Allerdings attestieren namhafte Medizinprofessoren der Teilstudie zum Blutdruck-Monitoring eine Reihe grundlegender Fehler bei den Methoden und der Auswahl der Probanden. Entgegen den Erwartungen der Forscher und im Gegensatz zu bisherigen Erkenntnissen konnte der Teilstudie zum Bluthochdruck zufolge überraschenderweise kein signifikanter, medizinisch-relevanter Zusammenhang zwischen Fluglärm und einem erhöhtem Bluthochdruckrisiko festgestellt werden. Alles halb so schlimm also? Wohl nicht. Andere Untersuchungen ergaben dagegen, dass die Testpersonen bereits nach einer Nacht unter Fluglärmeinfluss über Schlafmangel, erhöhten Blutdruck und steigendem Adrenalinspiegel klagten. „Fluglärm ist ein Herz-Kreislaufrisikofaktor, den nicht die Ärzte beeinflussen können, sondern die Politker“, sagte der Leiter der Mainzer Poliklink, Thomas Münzel. Letztlich wird es deshalb darauf ankommen, wie der Gesetzgeber die Studienergebnisse bewertet, welche Schlüsse daraus gezogen werden und in den gesetzgeberischen Prozessen zum Ausdruck kommen.