Dem Tode näher als dem Leben

Nachdenkliche Gesichter bei der Führung durchs ehemalige Konzentrationslager.

IGS Langenhagen: Zehntklässler im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen

Langenhagen. Die sechs zehnten Klassen der IGS Langenhagen besuchten für je einen Studientag die Gedenkstätte Bergen-Belsen. Im Unterricht hatten sie sich auf diesen besonderen Unterrichtstag vorbereitet. Wie alle Schüler wussten auch Johanna Tecklenburg und Bianca Liedtke aus der Klasse 10.3, dass Bergen-Belsen kein typisches Konzentrationslager war. Kein Arbeitslager, auch kein Vernichtungslager. Den englischen Soldaten, die das Lager 1945 befreiten, boten sich trotzdem Bilder, die sie nie mehr wieder loswerden sollten. Leichenberge und furchtbar ausgemergelte Menschen, dem Tode näher als dem Leben. An diesem Studientag im August wirkte das Gelände auf die Schülerinnen und Schüler bei herrlichem Wetter beinahe wie eine schaurig-schöne Mischung aus Park und Friedhof.
Die Doku-Filme der britischen Soldaten von 1945 sind für normal empfindende Menschen nur schwer auszuhalten. Viele Schüler tun sich das dennoch freiwillig an und sehen auch Aussagen deutscher SS-Leute. Durch einen der Referenten erfahren die Schüler, dass kein Deutscher hier zum Dienst in der SS und zur menschenverachtenden Tätigkeit im Lager gezwungen wurde. Die Schüler haben Gelegenheit, sich mit vielen Aussagen von Überlebenden auseinanderzusetzen. Johanna ist „aufgefallen, dass jeder, der in Bergen-Belsen gefangen war, anders mit seinen Erfahrungen umgeht. Manche können nicht mal mit Menschen, die ihnen nahe stehen, darüber reden“.
Viel stärker als Zahlen und Daten beeindrucken die vielen kleinen und großen Geschichten und die dokumentierten Einzelschicksale. Felix hört von der heute noch lebenden und regelmäßig nach Bergen-Belsen kommenden Yvonne Koch, einer alten Dame, die mit ihren 80 Jahren große Persönlichkeit ausstrahlt. Damals, als elfjähriges Mädchen, lebte sie wie viele Kinder als Häftling im Lager. Beim stundenlangen Zählappell konnte sie nicht still stehen. Eine SS-Wächterin befahl daraufhin ihrem abgerichteten Schäferhund, das Kind totzubeißen. Der Hund verweigerte den Befehl. Ihre Erinnerungen kann man heute nachlesen.
Auch wenn die Schüler die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse der NS-Zeit im Unterricht durchnehmen, bleiben für sie offene Fragen stehen. Bianca Liedtke schreibt in ihrem Abschlussbericht: „Wie konnten Menschen damals so wenig Anstand, Mitgefühl oder wie man es auch nennen mag, haben und anderen Menschen so etwas antun? Ich bin froh, dass ich nicht in dieser Zeit gelebt habe.“