Die Reformation und die Bildsprache

Tauschten sich intensiv aus: Referent Heimo Reinitzer (links) und Superintendent Holger Grünjes. (Foto: D. Lange)

Ehemaliger Leiter des Bibelarchivs zu Gast beim Kirchenkreis

Langenhagen (dl). Das Jahr 2015, zwei Jahre vor dem Reformationsjubiläum, ist dem Thema „Reformation und Bild“ gewidmet und dessen Einfluss auf die künstlerische Umsetzung biblischer Themen im ausgehenden Spätmittelalter. Der Professor und ehemalige wissenschaftliche Leiter des Deutschen Bibelarchivs, Heimo Reinitzer, befasste sich in seinem Vortrag beim Jahresempfang des Evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Burgwedel-Langenhagen mit den Anfängen und der Entwicklung der illustrierten Titelblätter der Lutherbibel. Einer Übersetzung des alten und neuen Testaments aus der althebräischen und altgriechischen Sprache ins Deutsche durch Martin Luther. Reinitzer taucht in seinem Vortrag tief ein in die Kunst- und Religionsgeschichte, gibt aber auch zu, das es ein schwieriges Unterfangen sei, den Einfluss der Reformation auf die künstlerische Bildsprache zu erklären. Zumal namhafte Kunsthistoriker die Existenz einer evangelisch-lutherischen Bildsprache überhaupt leugnen. Fest steht jedenfalls, das es dazu eines profunden Hintergrundwissens bedarf, um die kunsthistorischen und theologischen Zusammenhänge verstehen zu können. Die einzelnen Gattungen, die Tafelbilder, Wandmalereien und Buchillustrationen spielen noch dazu eine ganz eigenständige Rolle. Hinzu kommt, dass die Illustrationen der Titelblätter in der Regel keinen direkten Bezug zum Inhalt haben, sondern lediglich als Schmuck dienen. Reinitzer räumt dann auch gleich mit dem weit verbreiteten Irrglauben auf, demzufolge die Texte „nur etwas für Gelehrte und Theologen seien, während alle, die nicht lesen könnten, zumindest die Bilder verstehen.“ Diese Annahme bezeichnete Reinitzer als Quatsch. „Die Illustrationen erschließen sich nicht auf Anhieb dem Betrachter. Sie sind in aller Regel ähnlich schwierig zu „lesen wie die Texte“. Bis zur Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg kannten mittelalterliche Bücher, Handschriften und Drucke keine Titelblätter. Bücher begannen mit der ersten Textseite, Bibeln mit dem Text der Genesis oder bestenfalls mit einer besonders gestalteten Initiale am Seitenrand. Die Entwicklung der Titelblätter beginne, so Reinitzer, mit dem Titel „Das neue Testament. Deutsch“ von Martin Luther, bekannt auch als Septembertestament. Eigentlich noch kein Titelblatt, sondern eher „ein kalligraphisch gestalteter, mit arabesker Ornamentik“ umgebener Titel. Dieser wird allgemein gedeutet als eine Kampfansage, als unbeugsames Lebenszeichen Martin Luthers, der sich zu dieser Zeit in „Reichsacht“ befand. Von dieser ersten grafisch aufbereiteten Schrift im Titel entwickelte sich deren Gestaltung immer mehr hin zu einer bisweilen überbordenden Anzahl biblischer Szenen und Motive. Zeitweilig mutierten die Titelblätter zu wahren Suchbildern, deren ganze Fülle an Motiven sich erst mit der Zeit dem Betrachter vermittelte. Darstellungen biblischer Akzente, deren eigentliche Herkunft nach wie vor ungeklärt sei, gelten gleichzeitig auch als Ausdruck des Zeitgeistes jener Ära, ohne das es andererseits einen Einfluss der zeitgenössischen Kunst auf die Darstellung religiöser Themen gegeben hätte. Viel eher werden im Zusammenhang mit der Entwicklung der Titelblätter auch kaufmännische Überlegungen eine Rolle gespielt haben. Die Herstellung war teuer und die Bibeln seinerzeit waren keine Volksbibeln, erst recht nicht die Lutherbibel. Nur Adlige und andere Bessergestellte konnten sie sich leisten.