„Die Schulen müssen eng zusammenrücken“

Sowohl am Gymnasium als auch an der IGS werden die Schülerinnen und Schüler nicht im Regen stehen gelassen.Archivfoto: Th. Schirmer (Foto: Th. Schirmer)
 
Die naturwissenschaftlichen Fachräume sind betroffen.

Hiobsbotschaft – 73 Räume am Schulzentrum werden geschlossen

Langenhagen (ok). Das Urteil des Gutachters trifft die Spitze der Stadtverwaltung und die beiden betroffenen Schulleiter wie ein Keulenschlag: „Es gibt starke Bedenken, einen Fortbetrieb des Schulbetriebs ohne bauliche, anlagentechnische und organisatorische brandschutztechnische Anpassungen sowie weitere Schutzmaßnahmen durchzuführen“,heißt es etwas verklausuliert. Die gravierendesten Mängel, die festgestellt worden sind: ungeschützte Stahlkonstruktionen in den Trakten A und C, Geschossdecken mit offenen Fugen in Trakt H, keine raumabschließenden Flur- und Treppenraumwände bis unter die Rohdecke und die Dachhaut in den Trakten A, C und H sowie offene Fugen in den Geschossdecken in Trakt H. Im Klartext und mit weitreichenden Folgen: Die Trakte A, H und C – sie wurden zwischen 1967 und 1972 gebaut – müssen abgerissen werden, eine Sanierung lohnt sich nicht mehr und kommt somit nicht in Frage. Es ist quasi das Herzstück des Schulzentrums – die Nord-Süd-Achse zwischen der nördlichen Turnhalle (Pekohalle) und der Aula, die nicht betroffen ist. Näher ansehen wird sich der Brandschutzgutachter noch die Trakte E, F und G im Ostteil des Schulzentrums, aber Stadtbaurat Carsten Hettwer geht nach der bisherigen Planung des Architekten davon aus, dass es dort lange nicht so kritisch sein wird. Die Bau des dritten Bauabschnitts ist zunächst einmal gestoppt worden; der B-Trakt neben dem A-Trakt bleibt zunächst einmal unangetastet, dient weiterhin als Übergangslösung, auch weil er eingeschossig ist. Die Stadtverwaltung hat jetzt kurzfristig reagiert, um den Schulbetrieb bis zu den Sommerferien aufrechterhalten zu können. Brandwachen werden in den Schulen kontrollieren, eine Lüftungsanlage im Keller ausgestellt und Styropor aus einem Kriechkeller entfernt. Jetzt sucht die Stadtverwaltung fieberhaft noch Lösungen – auch außerhalb des Stadtgebietes. Ausweichmöglichkeiten für ganze Klassengruppen werden gesucht – eventuell in Unterrichtsräumen im Erdgeschoss oder in den ersten Etagen. Die Alternative Container wird auch in Erwägung gezogen, allerdings ist der früheste Liefertermin erst im Februar 2016. Zu spät, denn mit Beginn des neuen Schuljahres muss eine Lösung her. Die Pekohalle sei dagegen keine Option – an eine Schulklasse würden ganz andere Ansprüche gestellt als beispielsweise an eine Flüchtlingsunterkunft. Die Schulleiter sind gleich informiert worden, ebenso wie die politischen Fraktionen. Die Parteien hätten den Grad der Dringlichkeit durchaus unterschiedlich bewertet; die Stadtverwaltung hat allerdings deutlich gemacht, dass akuter Handlungsbedarf bestünde. Landesschulbehörde und Sozialministerium sind ebenfalls in Kenntnis gesetzt worden. Betroffen sind 36 allgemeine Unterrichtsräume und 37 Fachräume – damit rund 1.000 Schülerinnen und Schüler – und klar ist auf jeden Fall, dass Mädchen, Jungen und Lehrer am Schulzentrum enger zusammenrücken müssen. Die Gesamtkosten schätzt Bürgermeister Mirko Heuer grob auf 30 Millionen Euro – eher mehr – macht aber deutlich, dass Geld in diesem Fall eine untergeordnete Rolle spielt. Mirko Heuer will nach vorn schauen, glaubt allerdings, dass „das Problem bei den vielen vorherigen Baumaßnahmen und damit verbundenen Brandschauen hätte erkannt werden können.“ Und der Bürgermeister ist gefordert, muss mit seinem Team schnell reagieren und agieren. Leere Räume an anderen Schulen? Die gebe es an der Gutzmann- und an der Pestalozzischule, allerdings sind sie für deutlich kleinere Klassengrößen ausgelegt und scheiden deshalb aus. Flächen für Interimsbauten? Auch die Rieselfelder und die Obstbaumwiesen sind hier durchaus ein Thema. „Die beiden Schulen müssen eng zusammenrücken“, sagt Heuer, der Aktionen wie die energetische Dachsanierung mit den neuesten Erkenntnissen im Kopf sicher nach hinten geschoben hätte.
Überlegungen, in die natürlich auch die beiden betroffenen Schulleiter Gabriele Janke, die nach dem Fortgang Irene Kretschmer kommissarisch am Gymnasium eingesetzt ist, und Wolfgang Kuschel (IGS) einbezogen werden. Für Kuschel ist vor allen Dingen der Verlust der naturwissenschaftlichen Räume ein Fiasko, neun Räume fehlten, Chemie- und Physiksammlungen ließen sich nicht einfach unterbringen, der Unterricht lebe von Experimenten. Eine Containerlösung auf dem Schulgelände oder in der Nähe sei sicher das Beste.
Mit anderen Schulen wie etwa der IGS Süd werde er sicher kooperieren, wenn es möglich und nötig sei, und auch dem Gymnasium, das stärker betroffen ist, helfend zur Seite stehen. Wolfgang Kuschel: „Ich habe eine ähnliche Situation in Wilhelmshaven erlebt. Damals gab es allerdings sinkende Schülerzahlen und freie Kapazitäten in umliegenden Schulen.“ Auch Gabriele Janke, kommissarische Schulleiterin am Gymnasium, hofft auf Ideen aus Kommunen, die schon einmal vor einer solchen Situation standen. Ihre Schule trifft es besonders hart mit insgesamt 32 Unterrichtsräumen, zwölf Fachräumen – davon zehn naturwissenschaftliche Räume und zwei Computerräume – sechs Sammlungsräume der Naturwissenschaften, vier große Ganztagsräume, sechs Büros, ein Archiv, die Cafeteria und der Serverraum. Die Planung läuft an beiden Schulen in den Sommerferien so ab wie geplant; einer Verlängerung der Sommerferien stehen beide Schulleiter kritisch gegenüber – das nächste Schuljahr sei ohnehin sehr kurz. Integrierte Gesamtschule und Gymnasium ziehen jetzt verstärkt an einem Strang und arbeiten im Schulterschluss mit der Stadtverwaltung. „Die Lehrer wollen Vorschläge sammeln und uns unterbreiten“, sagt Stadtbaurat Carsten Hettwer. Es wurden sogar Stimmen laut, die kämpferisch sagten: „Wir sollten das Ganze als Chance begreifen.“