Ein langes Leben in Tagebüchern

Johanna Fauth und ihre Hündin Kerry haben im Anni-Gondro-Pflegezentrum ihr zu Hause. (Foto: D. Lange)

Johanna Fauth feiert ihren 95. Geburtstag

Langenhagen (dl). Tagebuchschreiber wissen das. Was sie in ihren täglichen Aufzeichnungen festhalten, ist mitunter sehr privat und nicht immer für jedermanns Ohren bestimmt. Das wird bei Johanna Fauth nicht anders gewesen sein. Was ihre Tagebücher aber so bemerkenswert macht, offenbart sich erst mit der Zeit. Im Jahr 1943 begann sie, mit Unterbrechungen, Tagebücher zu schreiben und hörte erst vor gut zwei Jahren damit auf, als es wirklich nicht mehr ging. Seitdem skizzierte sie darin präzise und ausführlich ihr alltägliches Leben, aber auch in kurzen, knappen Worten ihre ganz persönliche Sicht auf das Weltgeschehen, das sich außerhalb ihrer vier Wände abspielte und doch so großen Einfluss auf ihr Leben ausübte. In Dresden, wo sie geboren und aufgewachsen ist, erlebte und überlebte sie die zerstörerischen Bombenangriffe auf ihre Stadt seit 1944, insbesondere jene vom 13. bis 15. Februar 1945. Als Wehrmachthelferin diente sie bei einer Funkbetriebsstelle und gehörte damit zu den Frauen, die man im Jargon der Nationalsozialisten Blitzmädels nannte. Ihren Mann, der ebenfalls Soldat war, lernte sie eines Tages an einer Straßenbahnhaltestelle in Dresden kennen, weil er Schokolade aß. Sie sprach ihn an und fragte, wo man denn jetzt Schokolade bekommen könne. Wenige Tage nach den Luftangriffen im Februar 1945 heiratete das Paar, obwohl ein Teil der hierfür benötigten persönlichen Dokumente in den verheerenden Bombennächten verlorenging. Gleich nach dem Krieg geriet Otto Fauth in russische Gefangenschaft, die für ihn erst im Jahr 1950 endete. Auch die Post, die Otto Fauth während seiner Gefangenschaft nach Hause schrieb, hat seine Frau all die Jahre aufbewahrt. In diesen kleinen Briefen auf postkartengroßen Formularen, die nicht selten bis zu einem Jahr unterwegs waren, schrieb ihr Mann allerdings nie von sich oder den Umständen seiner Gefangenschaft, sondern stets nur von seiner Familie. Ein Indiz dafür, dass die Post der Gefangenen zensiert wurde. Weil ihre Heimatstadt Dresden von den Bomben fast vollständig zerstört und unbewohnbar war, zog seine Frau nach Ende des Krieges nach Nienstädt zu ihren Schwiegereltern im Kreis Schaumburg. Vom Großvater übernahmen sie und ihr Mann später den Malereifachbetrieb und führten die Firma bis zum Erreichen des Pensionsalters, bevor sie Ende der achtziger Jahre nach Langenhagen zogen.
Schon früh wollten sie sich einen Hund anschaffen, aber erst sollten sie verheiratet und der Krieg aus sein, und sie wollten zuerst auch ein Kind haben. Es dauerte dann aber doch bis 1954, als eines Tages ein Paket mit der Bahn ankam, „dass sich bewegte“. Drinnen war ein kleiner, schwarzer Scotch Terrier. Und bei dieser Hunderasse ist es bis heute geblieben. Inzwischen ist Johanna Fauth 95 Jahre alt und lebt heute im Anni-Gondro-Pflegezentrum im Eichenpark. Mit ihr Kerry, eine wuschelige Scotch Terrier Hundedame, die nebenbei auch der heimliche Star der Station ist.