Ein Morgen vor Lampedusa

Claudia Koch, Leiterin des Quartierstreffs, stellt die Gäste der Gesprächsrunde vor; vorne links: Mohhamad Hussein, Arzt und Delil AL Mohammad, Praktikant im Quartierstreff, Mitte: Erwin Eder, Vorsitzender des Integrationsbeirats, Doris Lange, Leiterin des Sozialberatungsdienstes der Stadt Langenhagen. (Foto: D. Lange)

Szenische Lesung über eine verzweifelte Rettungsaktion im Mittelmeer

Langenhagen (dl). Jüngsten Schätzungen zufolge sind weltweit rund 65 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Terror, Armut und dem Elend in ihren Herkunftsländern. Die „Festung Europa“ aber schottet sich weiter ab, anstatt gemeinsam zu helfen. Viele EU-Mitgliedsstaaten haben ihre Grenzen für die Flüchtlinge und damit die Flüchtlingsrouten über Land dichtgemacht. Das wiederum treibt sie wieder in die Arme skrupelloser Schlepper, die von den Flüchtlingen Tausende von Euro für die Überfahrt nach Europa auf einem der untauglichen und überladenen Seelenverkäufer verlangen. Ein für sie lebensgefährlicher Weg über das Mittelmeer, der viel zu oft ein Weg in den Tod ist. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber man rechnet bisher mit 25 000 bis 80.000 Toten seit dem Jahr 2000. Die tragischen Folgen der europäischen Abschottungspolitik wurden bei der Lesung im Quartierstreff Wiesenau mehr als deutlich. In den Texten und Dialogen von Einheimischen und Fischern von Lampedusa beschreiben diese, was am Morgen des 3. Oktober 2013 vor ihrer Küste geschah, als sie verzweifelt versuchten, die Flüchtlinge zu retten, deren seeuntüchtiges und mit 545 Menschen völlig überladenes Boot noch in der Dunkelheit und kurz vor dem rettenden Hafen der italienischen Insel gekentert und gesunken war. Zu Hunderten trieben sie im Wasser, viele von ihnen starben, bevor sie gerettet werden konnten. Die niederschmetternde Bilanz am Ende des Tages lautete: 366 Tote vor Lampedusa. Sie kamen aus Eritrea, Somalia, Äthiopien und Syrien und erhofften sich mit ihrer Flucht ein besseres Leben in Europa. Noch im selben Monat, nachdem im Oktober ein weiteres Boot mit mehr als 250 Flüchtlingen an Bord gekentert war, startete die italienische Marine ihre Seenotrettungsoperation „Mare Nostrum“. Doch seit November 2014 ist „Mare Nostrum“ bereits wieder Geschichte. An dessen Stelle trat die von der EU-Grenzschutzagentur Frontex ins Leben gerufene „Operation Triton“, obwohl allein 2014 wieder mehr als 3300 Flüchtlinge bei ihrer Flucht über das Meer ihr Leben lassen mussten. Denn während „Mare Nostrum“ in erster Linie eine Seenotrettungsoperation war, liegt bei „Triton“ der Schwerpunkt eher im Bereich Grenzschutz und Abwehr, ganz im Sinne der völlig verfehlten europäischen Asylpolitik. Wie immer geht es dabei auch hier um Geld. Zahlte die italienische Regierung für „Mare Nostrum“ noch 9 Mio. Euro im Monat, so sind es für „Triton“ nur noch 3 Millionen. Die EU-Mitgliedsstaaten hatten sich strikt geweigert, für „Mare Nostrum“ Mittel bereit zu stellen, um Italien damit finanziell zu entlasten. Angesichts der Katastrophe vor Lampedusa waren die etwa 30 Zuhörer im Quartierstreff sichtlich schockiert vom Schicksal der Bootsflüchtlinge. Gelesen wurden die Texte von Ute Mau von der Integrationsstelle der Stadt, von Rebekka Neander, Redakteurin der Nordhannoverschen Zeitung, Holger Grünjes, Superintendent des Kirchenkreises Burgwedel-Langenhagen, Mirko Heuer, Bürgermeister und Siegfried Volker von der KSG Hannover. Fotos dokumentierten die Rettungsaktionen und Francesco Impastato, Musiker aus Italien, hatte eigens für die Lesung die Musik geschrieben. Im Anschluss daran hatten die Besucher noch die Möglichkeit zu einem offenen Gespräch mit Gästen über das Gehörte. Claudia Koch, die Moderatorin des Abends und Leiterin des Quartierstreffs stellte den syrischen Praktikanten des Treffs, Delil Al Mohammad sowie den syrischen Arzt Mohhamad Hussein vor. Beide berichteten von ihrer Flucht und ihren bisherigen Erfahrungen in Deutschland. Das traurige Fazit der Tragödie im Herbst 2013 kann deshalb nur heißen, nach allem, was bisher geschehen ist: Seit dem Morgen vor Lampedusa hat sich nichts geändert. Das tausendfache Sterben im Mittelmeer geht weiter.