Ein Unfall

Es war wieder einmal so ein Tag. Die Termine drängten. Ich war etwas zu spät. Das mag ich gar nicht. Also drückte ich noch etwas mehr aufs Tempo, auf meinem Rad. Ich achte immer darauf, dass die Reifen stramm aufgepumpt sind. Geschwindigkeit ist kein Problem für mich.
Und dann das. Mehr aus den Augenwinkeln erkannte ich es. Ein Fahrrad lag einige Meter neben dem Fahrradweg auf dem Boden. Und eine ältere Frau saß auf einem kleinen Mäuerchen dicht dabei.
Ich hielt an. Zum Glück war nichts Schlimmes passiert. Die Frau hatte die Kurve falsch eingeschätzt. Schließlich stürzte sie. Äußerlich waren keine Verletzungen zu erkennen. Doch der Schrecken saß ihr spürbar in den Gliedern. Ich setzte mich zu ihr.
Mehrmals musste sie erzählen, wie es zu dem Unfall kam. Wir blieben eine Weile. Schließlich rappelte sie sich auf, prüfte, ob alles in Ordnung war und auch ihr Fahrrad, bedankte sich. Jetzt wollte sie rasch weiter.
„Bitte schieben Sie Ihr Fahrrad nach Hause.“ Das sagte ich noch. Da lächelte sie schon wieder. Ich schaute ihr nach. Sie hielt sich an meine Bitte.
Soweit so gut. Der Termin war futsch, klar. Es ist eine selbstverständliche Sache, anzuhalten. Ich tat es ja auch. Warum hat mich dieses Ereignis doch länger beschäftigt?
Es gab einen allerersten Impuls, als ich in den Augenwinkeln das liegende Fahrrad erkannte. Für Sekunden vielleicht, aber er war da: Du hast jetzt keine Zeit. Du bist verpflichtet. Die anderen warten. Du bist eh schon spät dran. Wie gesagt, nur für Sekunden, dann hatte ich auch schon gebremst.
Im Nachhinein sind mir diese Sekunden oft durch den Kopf gegangen. Wie schnell alles geht! Wie bestimmend mein Alltagsplan ist!
Diese Sekunden des Zögerns sind für mich eine Lehre. Natürlich mussten die Anderen warten. Ich kam richtig zu spät. Doch das war allemal wichtiger, in diesem Moment zu bleiben.
Es war eine Lehre in der Wachsamkeit. Darin, mich nicht innerlich abzuschotten und nur meine Pläne im Kopf zu haben. Vielmehr: Mit offenen Augen dafür wach sein, was jetzt nötig ist. Das passiert vielleicht ganz unvermutet. Und schließlich kann es ja auch einmal ich selbst sein, der von anderen die wachen Augen braucht. Wer kann das wissen?
Diese Erfahrung nehme ich mit hinein in diese besonderen Tage, wo wir auf das Weihnachtsfest zugehen. Es ist ja das große Fest der Menschenfreundlichkeit Gottes zu uns, mit unseren Grenzen und mit unseren Möglichkeiten.

Martin Bergau