Ein wahrer Motivations-Künstler

Als Leiter der Feuerwehrkapelle Godshorn startete Ernst Müller (vorn Vierter von links) vor 60 Jahren seine Karriere als Dirigent.
 
Ernst Müller (rechts) leitet seit mehr als 35 Jahren das Hausorchester des Prinzen von Hannover. (Foto: K. Raap)

Seit 60 Jahren gilt Ernst Müllers besondere Liebe dem Taktstock

Langenhagen (kr). Er ist ein Orchesterchef aus Leidenschaft, ein Motivationskünstler der besonderen Art und ein hervorragender Musiker, Pädagoge und Diplomat: Die Rede ist von Ernst Müller, der seit 60 Jahren am Dirigentenpult steht und damit jetzt ein ganz besonderes Jubiläum feiert. Zurückblicken kann er auf sechs Jahrzehnte gelebte Blasmusik, verbunden mit hunderten von Konzerten und Tourneen auf allen Kontinenten dieser Welt. Als Botschafter deutscher Blasmusik feierte er musikalische Triumphe unter anderem in Australien, Südafrika, China, Japan, Lesotho, Brasilien, Chile, Argentinien, der UdSSR, in den USA, in Israel, Kanada, Polen, Slowenien, Frankreich, England, Skaninavien und natürlich in Deutschland. Zu den vielen Auszeichnungen, mit denen seine beispielhaften Aktivitäten gewürdigt wurden, zählen das Bundesverdienstkreuz, der Niedersächsische Verdienstorden, das Kreuz in Gold der Österreichischen Feuerwehr, die höchste Verdienstmedaille der Arbeiterwohlfahrt, das Ehrenkreuz in Gold des Deutschen Feuerwehrverbands, die Ehrennadel des Welfenhauses und die Plakette für Verdienste um die Landeshauptstadt Hannover. Außerdem trug er sich in das Goldene Buch der Stadt Langenhagen ein.
Das Wirken Ernst Müllers ist eng mit der Geschichte des Blasorchesters der Stadt Langenhagen verbunden, das er als 18-Jähriger gründete und als musikalischer Leiter mehr als 40 Jahre lang führte. Er verschaffte der oftmals von Verfechtern sogenannter ernster Musik belächelten Blasmusik Zugang zu Konzertsälen, Opernhäuser, Fernsehstudios, Kirchen und Kathedralen. Er schaffte das mit einem sicheren Gespür für den kontinuierlichen Ausbau des Repertoires, das alle wichtigen Musikrichtungen abdeckte. Nicht zu vergessen sein soziales Engagement. Mit vielen Konzerten für einen guten Zweck war der Name Müller ein Garant für den Erfolg dieser Veranstaltungen. Einen Reinerlös von mehr als 240.000 Mark erspielte er in 20 Jahren für die hannoverschen Weihnachtshilfe-Aktionen. Und mit zwei Dutzend Großkonzerten für die Arbeiterwohlfahrt sicherte er rund 180.000 Mark für soziale Zwecke. Und Ernst Müller schaffte es auch, mit seinem Orchester in Hannovers größtem Konzertsaal, dem Kuppelsaal der Stadthalle, vor regelmäßig ausverkauftem Haus zu musizieren.
Auch die musikalische Ausbildung des Langenhageners hat natürlich eine Geschichte. Als er 1947 mit acht Jahren begann, die Violine zu probieren und vier Jahre später die ersten Töne aus einer Trompete lockte, war das so etwas wie ein kleiner Fingerzeig auf eine Musikantenlaufbahn. Sein Instrumentallehrer erkannte sein Talent und ermutigte ihn zum Studieren. So bestand dann Ernst Müller auch auf Anhieb die Aufnahmeprüfung an der Musikschule Hannover. Hier freundete er sich schnell mit den tieferen Instrumenten an und studierte Kontrabass und Tuba, außerdem Klavier und Musiktheorie. Sein heimlicher Wunsch war allerdings das Dirigieren. Die Begebenheit, die Ernst Müller dann zu einer Dirigentenlaufbahn animierte und ermunterte, klingt zwar ein wenig überzogen, ist jedoch verbürgt. Als der berühmte Komponist Paul Hindemith als Gastreferent eine mehrtägigen Symposiums an der Musikschule seine Studenten zwischendurch anregte, doch auch einmal einen Marsch zu dirigieren, scheiterte das zunächst daran, dass dafür keine Noten vorlagen. Spontan sprang „Schützenfest-Müller“ ein, so Ernst Müllers Spitzname. Er holte von zu Hause ein selbst gefertigtes Arrangement für Streicher der Komposition „In Treue fest“ und dirigierte dann einige Stunden später den bekannten Marsch mit Bravour. Der ein wenig verblüffte Hindemith sparte dann nicht mit Lob, und die Beziehung Müllers zum Taktstock hatte einen wichtigen Schub erfahren.
Auch Operetten-Melodien gehörten schon immer zum festen Bestandteil von Müllers Repertoires. Die Liebe zu diesem Genre kam nicht von ungefähr. Als Absolvent der Musikschule erhielt Müller ein Engagement als Solo-Kontrabassist beim Thalia-Theater und damit in der hannoverschen Hochburg der Operette. Unter dem Dirigenten Gerhard Bönicke lernte der Langenhagener praktisch alles kennen, was Komponisten wie Franz Lehar, Nico Dostal Emmerich Kalman und Johann Strauss an unvergänglichen Melodien geschaffen haben. Seit vielen Jahren existiert eine hochinteressante Zusammenarbeit Ernst Müllers mit dem Tenor Hans-Dieter Bader, der Jahrzehnte als Solist an der Niedersächsischen Staatsoper Hannover und an vielen internationalen Bühnen wirkte. Im hannoverschen Opernhaus ist Ernst Müller, immer begleitet von Ehefrau Marlies, als großer Opernfreund längst Stammgast. Zehn Jahre stand dort bei allen Vorstellungen von Karl Millöckers Operette „Der Bettelstudent“ bei verschiedenen Szenen sein Blasmusikensemble auf der Bühne und musizierte.
Natürlich bleiben auch die Begegnungen mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens für den Musikdirektor unvergesslich. Regierungschefs waren darunter sowie hochrangige Vertreter aus Politik, Kunst und Kultur. Kontakte gab es unter anderem mit Ministerpräsident Ernst Albrecht, Generalmusikdirektor George Alexander Albrecht, Prinzessin Caroline von Monaco und Prinz Ernst August, Prinzessin Chantal von Hannover, Königin Sophie von Spanien, Helmut Kohl, Gerhard Schröder, Egon Franke, Michael Gorbatschow, Wilfried Hasselmann, Letsie III König von Lesotho, Ferdinand Piech, Yehudi Menuhin, Richard von Weizsäcker, Messechef Dr. Klaus E. Goehrmann, Helmut Schmidt. In Kontakt mit Industriebossen kam er natürlich auch durch seine 20-jährige Verpflichtung als musikalischer Chef des renommierten VW-Orchesters. Seit 35 Jahren zeichnet er auch verantwortlich für das „Hausorchester seiner königlichen Hoheit des Prinzen von Hannover“. Müller sorgte für die musikalische Umrahmung fast aller Familienfeiern auf der Marienburg. Zuvor hatte er auch mit beachtlichem Erfolg das städtische Musikkorps der Feuerwehr Hannover und das Jugendblasorchester der Landeshauptstadt geleitet. Einen sehr hohen Stellenwert hatten die Qualitäten seiner Orchester in der Landeshauptstadt Hannover. So war es durchaus normal, wenn der Langenhagener beim größten Schützenfest der Welt den Ausmarsch gleich dreimal absolvierte, eben mit drei verschiedenen Klangkörpern. Auch in Langenhagener war er der große Macher in Sachen Schützenfest-Musik: Beim ersten gemeinsamen Fest der Schützen-Gemeinschaft Langenhagen im Jahr 1963 dirigierte Ernst Müller sein Orchester auf dem Zelt und beim großen Ausmarsch. Und das tat er dann einige Jahrzehnte.
Nach der Vietnam-Reise 1998, verbunden mit einigen sehr unschönen Ereignissen, erlitt Ernst Müller einen seelischen und körperlichen Zusammenbruch, der ihn zwang, seine Tätigkeit als Leiter des Blasorchesters der Stadt Langenhagen aufzugeben. Nach mehrwöchigen Krankenhausaufenthalten und einer insgesamt 15-monatigen Abstinenz von der Musik erwachte in ihm wieder die Neugier auf neue Aufgaben als Orchesterleiter. Die ersten Auftritte lieferte er für das Königliche Hausorchester ab, zum Beispiel auf der Marienburg und für die AWO-Region Hannover. Mit dem neugegründeten Klangkörper „Langenhagener Symphoniker“ folgten Advents-, Weihnachts- und Neujahrskonzerte im CCL und im Forum. Ernst Müllers Beliebtheitsgrad scheint ungebrochen, denn auf Anhieb konnte sich der Musikdirektor wieder über einen enormen Besucherandrang freuen. Eigentlich wollte er nach seiner Krankheit ein wenig kürzer treten, umso überraschender kam seine 55. Konzertreise, die ihn im Jahr 2013 zum siebten nach Brasilien führte.