„Etwas sagen, was woanders nicht möglich ist“

Gundula Ruge (links) und Marianne Drechsel-Gillner bringen zu den Heimat-Gruppentreffen gerne Literatur mit, die vorgelesen wird. (Foto: G. Gosewisch)
 
Einig im Gefühl der Heimatverbundenheit treffen sich die Gruppenmitglieder regelmäßig zum Gespräch - seit zehn Jahren. (Foto: G. Gosewisch)

Heimat-Gruppe feierte zehnjähriges Bestehen

Langenhagen (gg). Rund 15 Teilnehmerinnen hat die Heimat-Gruppe, die sich im zweiwöchigen Rhythmus im Mehr-Generationen-Haus an der Konrad-Adenauer-Straße 15d trifft. Rund zwei Stunden lang wird erzählt und gesprochen – im wahrsten Sinn des Wortes. Die Teilnehmerinnen erzählen von Erinnerungen und sprechen über ihre Wahrnehmungen. Sie eint das Schicksal der Flucht und Vertreibung während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Verlust des Zufluchtortes hat sich für einzelne Teilnehmerinnen Jahrzehnte später wiederholt, etwa bei der Flucht aus der früheren DDR. „Offenheit und Vertrauen untereinander sind das A und O für den Gesprächsverlauf. Hier gibt es die Möglichkeit etwas zu sagen, was woanders nicht möglich ist. Jede Meinung hat Raum“, erklärt Gundula Ruge. Sie ist Initiatorin der Gruppe und leitet, mit Unterstützung von Marianne Drechsel-Gillner, die Gesprächsrunden. Sie geben Impulse in Form von Gedichten oder Zitaten, die sie vortragen. „Das hilft dabei, die eigenen Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen“, so die Erfahrung von Gundula Ruge. Sie kann auf ein großes soziales Lebenswerk zurückblicken, war Mitbegründerin des Mütterzentrums Langenhagen, aus dem sich das Mehr-Generationen-Haus entwickelt hat, nun unter der Leitung von Christine Paetzke-Bartel.
Von der Feststellung „Der Mensch braucht Heimat“ sind alle Gruppenmitglieder fest überzeugt – inzwischen, denn viele Jahre waren sie auf der Suche nach dem Gefühl zu Hause zu sein und waren in diesem Streben bereit, die Heimat unwiederbringlich aufzugeben und in den Gedanken auszulöschen. „Vergeblich, denn die Wehmut und Sehnsucht nach Heimat bleibt“, so der Tenor unter den Gruppenmitgliedern im Gespräch. Dass ihr Schicksal millionenfach geteilt wird, macht die Bewältigung der persönlichen Erfahrungen nicht einfacher, denn zu tief und wie eingebrannt in der Seele sitzen die Attribute der Flucht: Demütigung und der Verlust der Menschenwürde. „Nun haben wir unsere Erfahrungen eingeordnet. Das Wiederfinden der Heimat war dafür nötig. Heimat kann ein Gedanke sein, eine Gewohnheit, ein Geruch, meistens mehreres gemischt und letztlich ein individuelles Gefühl“, sagt Gundula Ruge. Marianne Drechsel-Gillner macht Mut, die Heimat mit Herkunftsstolz zu verknüpfen. „Sich bewusst werden, dass die früheren deutschen Gebiete wie Schlesien und Ostpreußen große Denker in Wissenschaft und Kultur hervorgebracht haben, kann die Schmach der Beschimpfungen nach der Flucht löschen. Flüchtlinge waren unter den Menschen, die sie aufnehmen mussten, oft nicht willkommen, wurden abwertend als Polaken bezeichnet.“ Balsam war für alle Gruppenmitglieder die persönliche Spurensuche. „Die Reise in die früheren Geburtsorte brachte besondere Begegnungen. Ich fühlte mich willkommen. Mit dem Satz `Unsere Heimat ist auch eure Heimat` drückten die Menschen vor Ort ihre Offenheit und ihr Geschichtsbewusstsein aus“, erinnert sich Gundula Ruge. Als Höhepunkt der vergangenen zehn Jahre sieht sie für die Heimat-Gruppe die Erfolge bei der Spurensuche - Geburtsorte und Grabsteine wurden wiedergefunden und brachten Seelenfrieden.