Fechten mit rechts, Tennis mit links

Gratulierte Christel Stadler im Namen der Stadt: die 2. stellvertretende Bürgermeisterin Ulrike Jagau.Foto: O. Krebs

Christel Stadler aus Wiesenau mit bewegtem Leben nach 90 Jahren

Langenhagen (ok). Sie stammt aus Stralsund in Mecklenburg-Vorpommern, ihr Vater war ein angesehener Schneidermeister im Ort. Bis 1958 hat Christel Stadler, geborene Thurow, in der ehemaligen DDR gelebt, ist dann über die grüne Grenze nach Braunschweig gekommen. Der Grund: Christel Stadler wollte mit ihrem späteren zweiten Mann, den sich aus Stralsund kannte und der eigentlich aus Österreich stammt, im Westen leben, hatte die Nase voll vom politischen System in der DDR. Zusammen mit ihrer Tochter Kirsten reiste sie mit dem Zug nach Niedersachsen. „Wir mussten sogar zwei Anläufe nehmen, weil beim ersten Mal unser Personalausweis abgelaufen war“, erinnert sich Christel Stadler, die am Dienstag ihren 90. Geburtstag gefeiert hat. In Braunschweig arbeitete die junge Frau, die noch bis zu ihrem 60. Lebensjahr Ballett getanzt hat und früher eine sehr gute Fechterin und Tennisspielerin war, zunächst bei einem Rechtsanwalt, später dann als Sekretärin bei Siemens, bis sie dort aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste. Übrigens hat die Rechtshänderin witzigerweise mit rechts gefochten und mit links den Tennisball übers Netz geschlagen. Früher ist sie immer gern gereist, auch in die Heimat ihres Mannes – er ist 1988 gestorben – und zu ihrem Wohnwagen auf dem Campingplatz, heute machen die Beine nicht mehr so mit. Und auch das Lesen und Lösen von Kreuzworträtseln ist wegen einer Augenkrankheit schwierig geworden. Wie gut, dass sie von ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn und natürlich von ihren beiden Enkeln umsorgt werden, die mit ihr quasi in einer Art Mehr-Generationen-Haus in Wiesenau leben. An ihre Heimat Stralsund – sie ist dort früher regelmäßig hingefahren – hat sie viele positive Erinnerungen, aber auch einige negative. Im Zweiten Weltkrieg ist sie dort ausgebombt worden, musste in der Stadt, in der die große Volkswerft steht, noch einmal von vorn einfangen. Und als die Stasi sie dann in der DDR anwerben wollte, gab es für Christel Stadler keine Zukunft mehr in dem Arbeiter- und Bauernstaat mehr. In diesem Staat konnte und wollte sie nicht mehr leben. Nach vielen Jahren in Braunschweig, Hannover und Misburg fühlt sie sich heute im Kreis ihrer Lieben in Wiesenau pudelwohl und hofft, dass sie noch viele Jahre gesund bleibt und mit ihnen verbringen kann.