"Feminismus ist noch wichtig"

Julia Korbik las aus ihrem Buch im Ratssaal vor.

Beratungszentrum Ophelia klärt auf

Langenhagen. Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen hatten das Ophelia Beratungszentrum Langenhagen und die Gleichstellungsstelle zu einer Lesung in den Ratssaal eingeladen. Zu Beginn der Lesung wurde mit der Fahne „frei leben – ohne Gewalt“ ein sichtbares Zeichen gegen Gewalt an Frauen und Mädchen gesetzt. „Dieser Gedenktag müsste in jedem Kalender stehen“, meint Corona Bröker vom Ophelia Beratungszentrum, denn Gewalt gegen Frauen sei alltäglich, und „Jede dritte Frau in Deutschland erlebt körperliche oder sexualisierte Gewalt. Die meisten dieser Übergriffe passieren noch dazu im direkten sozialen Umfeld der Betroffenen, wo sie sich eigentlich sicher fühlen müssten.“ Sexuelle Belästigungen erfahren zwei Drittel aller Frauen und fast jede zweite Frau leidet unter psychischer Gewalt in Form massiver verbaler Einschüchterungen und Drohungen. Gewalt gegen Frauen gehe quer durch die Gesellschaft und durch alle Schichten, so die Ophelia-Bilanz. „Nur wird darüber zu selten gesprochen, die Scham ist groß. Dadurch verstärkt sich der Leidensdruck der Betroffenen. Viele geben sich eine Mitschuld an den Vorfällen. Sexismus und Mythen spielen dabei eine Rolle, deswegen möchten wir darüber aufklären“, sagte Corona Bröker in der Begründung für die Themenwahl des Leseabends.
Autorin Julia Korbik aus Berlin zeigte in der Lesung aus ihrem Buch „Stand Up! Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene“, wie wichtig die Bemühungen des Feminismus auch heute noch sind. „Fe­mi­nis­mus ist doch der Glau­be, dass alle Men­schen un­ab­hän­gig vom Ge­schlecht die glei­chen Rech­te haben.“ Sexismus hingegen unterminiert die Geschlechtergerechtigkeit, denn er schreibt Menschen aufgrund ihrer biologischen Geschlechtszugehörigkeit verschiedene soziale Verhaltensweisen zu und dient dadurch als Instrument, Machtverhältnisse herzustellen und zu bewahren. In einem Kapitel zu sexualisierter Gewalt stellte Korbik Mythen vor wie „Die Macht der Kleidung“, „Du willst es doch auch“, „Der fremde mit der Knarre“ und „Das Opfer-Abo“ und vermittelte, dass solche Vorstellungen letztlich nicht nur Frauen, sondern auch Männern schaden.
Im anschließenden Austausch mit dem Publikum zeigte sich, wie weitreichend die Bewertung aufgrund der sozialen Geschlechterrolle das Alltagsleben bestimmt. Die Frage wurde aufgeworfen, ob sich auch die jüngere Generation für Feminismus begeistere oder inwiefern man sich von den eigenen verinnerlichten Vorstellungen lösen könne, um Kinder weniger nach starren Rollenmustern zu erziehen. Man war sich einig, dass die Etablierung einer gendergerechten Sprache wichtig sei, aber vielerorts noch auf Widerstand stoße. Zu offensiv sexistischer Werbung konnten viele Anwesende Beispiele benennen – und mit dem Tipp, sich an den Deutschen Werberat zu wenden, auch gleich einen praktischen Hinweis, wie man selbst aktiv werden kann.
Das Ophelia Beratungszentrum in der Ostpassage 9, Langenhagen berät vertraulich, kostenlos und auf Wunsch anonym Frauen und Mädchen ab 13 Jahren, die Gewalterfahrungen gemacht haben – egal, ob körperliche, seelische oder sexualisierte Gewalt – und ist erreichbar unter Telefon (0511) 724 05 05.