Geglückter Sprung aus der Höhe

Der Jungkauz am Wasserturm im Eichenpark hält den Rest einer Amsel fest, Beute, die ihm die Eltern gebracht hatten. (Foto: W. Kirschning)

Achtung - Junge Waldkäuze im Eichenpark

Langenhagen. Derzeit kann man die Waldkauzfamilie nach Einbruch der Dunkelheit in der Nähe des Wasserturmes hören und mit Glück auch beobachten „Verantwortungsvolle Eltern sollten ihre Kinder nicht im Unterholz neben und hinter dem Wasserturm spielen lassen“, empfiehlt der Naturschutzbeauftragte Ricky Stankewitz mit Hinweis auf die Krallen der Elterntiere, die ihre Jungen verteidigen. Da die Ästlinge gelegentlich den angepeilten Baum verfehlen, kommt es regelmäßig vor, dass die Jungvögel scheinbar hilflos am Boden sitzen. „Keinesfalls sollte ein solcher Ästling in einer gut gemeinten Hilfsaktion eingefangen und weggebracht werden. Die Eltern überwachen den Jungvogel von den umliegenden Bäumen aus. Hundehalter sollten Ihre Hunde aus diesem Grund ebenfalls nicht im Unterholz neben dem Wasserturm laufen lassen“, so der Naturschützer.
Drei junge Waldkäuze haben vor wenigen Tagen mit einem Sprung aus dem Kopf des Wasserturmes aus 20 m Höhe ihren sicheren Brutplatz verlassen. Anders als die meisten anderen Vogelarten warten sie nicht, bis sie wirklich fliegen können, sondern landen flatternd relativ unsanft, aber unverletzt auf dem Waldboden neben dem Gebäude. Wohnraumnot oder fehlender Bewegungsraum kann sie nicht hinausgedrängt haben, denn der Nistraum ist mit einem Meter Länge, jeweils einem halben Meter Breite und Höhe relativ luxuriös. Die frühe Nestflucht noch im Flaumgefieder und mit kaum ausgebildeten Schwungfedern ist sicherlich genetisch bedingt, vielleicht, weil der üblicherweise enge Raum in einer Baumhöhle solch einen frühzeitigen Wechsel ins Freie sinnvoll macht. Vom Boden aus klettern die Jungvögel dann mit Hilfe ihrer scharfen Krallen und des Schnabels am Stamm eines Baumes hoch bis in einen sicheren Bereich. Langenhagener Vogelfreunde haben die Bettelrufe der „Ästlinge“ schon gehört und sie im braunen Blättergewirr der Buche vor dem Turm auch entdeckt. Schon seit Jahren brütet der Kauz ab Januar und kommt mit den Wintertemperaturen gut klar.
Die Nistmöglichkeiten im Turm hatte die Naturkundliche Vereinigung Langenhagen (NVL) vor 25 Jahren eingerichtet, damals allerdings für Schleiereulen, die als Felsenbrüter ersatzweise geeignete Gebäude aufsuchen. „Der Bestand war einerseits im Großraum Langenhagens durch zum Teil strenge schneereiche Winter zusammengebrochen, andererseits bot uns der Zoo Hannover Jungeulen zur so genannten Auswilderung an,“ sagt Werner Kirschning von der NVL. „Hinter diesem Begriff verbirgt sich die Umstellung von Totfutter auf das Fangen lebender Mäuse, was Zootiere erst lernen müssen. Wir haben extra eine Mäusezucht aufgebaut. Erst als sie zur Brut schritten, haben wir die Fenster geöffnet. In diesen eineinhalb Jahren waren ungefähr 8000 Mäuse verfüttert worden. Die Schleiereulen blieben dem Turm treu und insgesamt 54 Jungvögel waren die stolze Bilanz in den nächsten Jahren. Gleichzeitig mit der Freilassung hatten wir eine größere Anzahl von Brutmöglichkeiten hinter Fenstern und Dachpfannen eingerichtet. Auch durch 25 zusätzliche Nistkästen im Umkreis von Langenhagen auf Bauernhöfen und privaten Dachböden konnte sich der Bestand wieder erholen.“
Auch andere Vogelarten fanden das Turmangebot interessant. Sofort kamen Turmfalken in die umgebauten Fensternischen, dann Dohlen und zuletzt ein Waldkauzpaar. „Über diese Vielfalt haben wir uns sehr gefreut. Gleichzeitig wurde aber auch sichtbar, wie begehrt solche Ersatzfelsen sind. Wir sind stolz darauf, Grundlagen für den Erfolg geschaffen zu haben“, sagt Kirschning, „denn weit über 200 Turmfalken und 250 Dohlen sind nennenswerte Zahlen.“
Der Waldkauz bereichert die Vogelwelt im Eichenpark, aber mit gemischten Gefühlen sieht man, dass er leider das Vorkommen anderer Vogelarten als Futterangebot für sich und seine Jungen nutzt. Schon in seinem ersten Brutjahr lag im Turm ein Schleiereulenflügel, offensichtlich der Rest einer Mahlzeit, und unter dem Sitzplatz in der Buche direkt neben dem Wasserturm lag jetzt vor wenigen Tagen der Flügel einer Taube. Sofern verfügbar, würde der Waldkauz vorrangig Mäuse fressen, auch größere Ratten oder Jungkaninchen. Bei Schnee und Kälte greift er sich nachts ein paar Vögel und nutzt sein besseres Sehvermögen.
Mittlerweile hat der Waldkauz im Turm das Sagen, in den Jahren seit 2001 wuchsen etwa 30 Jungkäuze heran. Die Schleiereulen sind leider ausgewichen, denn mit etwa 300 g Körpergewicht haben sie keine echte Abwehrchance gegen den fast 600 g schweren Kauz.