Grün und braun, aber wenig Leben

Werner Kirschning prüft mit einem Messgerät den Sauerstoffgehalt im Teich.
 
Eisenausfällung färbt den Grabenzulauf ockerfarben.

Traurige Bilanz der Ökologie im Stadtpark

Langenhagen (gg). Stadtentwicklung und Badneubau - der Stadtpark war in den vergangenen Wochen vielfach im Fokus der Stadtverwaltung, der Politik und nicht zuletzt im Fokus des öffentlichen Interesses mit zahlreichen Leseranfragen an das ECHO. Dass Planvorhaben an den ökologischen Gegebenheiten im Park, mit den Teichen und mit dem Wasserhaushalt dort, nicht vorbei kommen und dass diese Gegebenheiten die Planung vor große Herausforderungen stellt, ist ganz aktuell in der jüngsten Ratssitzung zur Sprache gekommen, das ECHO berichtete in der Ausgabe vom 4. September (Seite 1). Zum Sachstand der Teiche im Stadtpark berichtete das ECHO in der Ausgabe vom 14. August (Seite 1).
Bersondere Kenntnisse zum Stadtpark hat Werner Kirschning, in Langenhagen bekannt durch sein Engagement bei der Naturkundlichen Vereinigung. Hier das Interview.
ECHO: Die Braunfärbung des Teichwassers wurde von der Stadtsprecherin als biologisch unkritisch eingestuft, es sei alles in Ordnung. Sie kennen die Teiche schon seit Jahrzehnten. Gab es solche Trübungen schon immer?
Kirschning: "Nein, das ist eine Erscheinung erst in den letzten Jahren, nachdem die Wassereinspeisung von Regenwasser auf Grundwasser umgestellt wurde. Der Eisen- und Mangananteil im Grundwasser bewirkt die Trübung und Braunfärbung."

ECHO: Warum erfolgte diese Umstellung?
Kirschning: "Um diese Veränderung zu erklären, muss ich zeitlich weiter ausholen, also den Zeitraum vom Aushub der Teiche bis jetzt betrachten. Auch wenn sie in der Form so natürlich wirken, muss man wissen, dass die Teiche erst vor rund 100 Jahren ausgehoben wurden, weil man eine große, um zwei Meter höhere Ackerfläche aufschütten wollte und dafür den Boden des Aushubs verwendet hat."

ECHO: Das hört sich nach einem größeren Konzept an.
Kirschning: "Damals wurde die Fläche des heutigen Eichen- und Stadtparks einschließlich der dahinter liegenden Ackerfläche von der Stadt Hannover gekauft, um auf diesem Gelände die Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Hannover als einen nach außen abgegrenzten, wirtschaftlich eigenen Bereich für rund tausend Heimbewohner aufzubauen. Viele Bausteine wie der Anbau von Feldfrüchten, der Gutshof mit Tierhaltung, Werkstätten, Kesselhaus zur Wärme- und Stromerzeugung mussten auf relativ kleiner Grundfläche sinnvoll miteinander vernetzt werden. Dazu gehörte auch eine eigene Abwasser-Kläranlage. Hier wurden Gülle und Dickstoffe mechanisch getrennt. Die Gülle wurde auf dem eben genannten Hochacker mit einem Rinnensystem verrieselt, dem so genannten Rieselfeld."

ECHO: Warum die Erhöhung der Fläche?
Kirschning: "Die Höhenforderung ergab sich, weil dieses System der Gülleverwertung mit Düngewirkung einen Schichtenaufbau voraussetzte. Oberste Lage waren Verteilrinnen mit einem Schieberstecksystem, darunter war die Bodenschicht mit Pflanzen und Wurzelwerk, die möglichst gleichmäßig versorgt werden sollte. Unter diesem Boden war eine Drainageschicht aus Sand und perforierten Rohren angeordnet, durch die das überschüssige Wasser und die Gülle in einen Graben abgeleitet wurde. In dem feuchten Boden wuchsen die Pflanzen sehr gut. Wir würden das heute eine biologische Pflanzenkläranlage nennen."

ECHO: Hat das System funktioniert?
Kirschning: "Ich kann mich erinnern, dass der Rhabarber auf dem Feld so hoch wuchs, dass ich mich als Kind darin verstecken konnte, offensichtlich war die Nährstoffversorgung reichlich. Heute würde man kritisch nach Inhaltsstoffen im geklärten Restwasser fragen, das in Richtung Wietze weitergeleitet wurde. Die damalige Zusammensetzung kenne ich nicht."

ECHO: Wie hat sich die ausgehobene Teichgrube mit Wasser gefüllt? Wurde Niederschlagswasser in den Teich geleitet?
Kirschning: "Damals war der Grundwasserspiegel sehr viel höher als heute, deshalb lief zunächst Grundwasser durch den sandigen Untergrund zusammen. Auch ohne Regen waren die Teiche schon gut gefüllt. Die Teiche sollten aber auch Auffangbecken für Niederschlagswasser von den Ackerflächen sein, denn zu nasse Felder mindern den Ernteertrag, und deshalb wurden Gräben angelegt, um ein Zuviel an Regenwasser abzuleiten."

ECHO: Kann man etwas zur damaligen Wasserqualität der Teiche sagen? Wie sahen sie hinsichtlich Pflanzenbewuchs und Tierbesatz aus?
Kirschning: "In beiden Teichen gab es eine wunderbare Artenvielfalt. Ich habe noch heute das lärmende Froschkonzert im Ohr, Wasserinsekten und Libellen flogen in großer Zahl, Teichhühner, Blessrallen fanden in der üppigen Uferbepflanzung immer Verstecke für ihr Nester, Vögel wie Teich- und Sumpfrohrsänger bauten ihre Nester im Schilfgürtel. Eine umfangreiche Liste der Vogelarten hatte mit hervorragenden ornithologischen Kenntnissen Stefan Jansen in den Jahren 1981 bis 1984 zusammengestellt. Im nördlichen Teich waren zwei Inseln, eine davon als Badeinsel mit Umkleidepavillon. Wenn wir Kinder schwimmen gingen, mussten wir immer darauf achten, uns nicht an den Füßen zu verletzen, weil auf dem Teichgrund überall Teichmuscheln lebten, ein Hinweis auf die gute Wasserqualität."

ECHO: Das hört sich ja geradezu paradiesisch an, sprechen wir beide vom gleichen Teich? Was hat sich so drastisch verändert?
Kirschning: "Aus dem Dorf Langenhagen wurde Stadt und es entstand ein neues Stadtzentrum auf der Fläche, die bisher Ackerland war. Um bei dem hohen Grundwasserstand nasse Keller zu vermeiden, wurden als Gegenmaßnahme mehrere Brunnen mit Pumpen gebaut. Die Grundwasserabsenkung wirkte nicht nur im neuen Stadtzentrum, sondern auch bis zu den 400 Meter entfernten Teichen. Der Wasserspiegel sank. Hinzu kam, dass der Regenwasserzulauf von den Feldern auch kleiner wurde, so dass die Teiche fast trocken fielen."

ECHO: Wo blieb das abgepumpte Wasser aus dem Stadtzentrum?
Kirschning: "Das wurde zunächst in einen Graben in Richtung Wietze gepumpt, als aber sichtbar wurde, dass Wasser in den Teichen fehlte, wurde es dahin umgeleitet."

ECHO: Bei dem Wasserüberschuss an der einen Stelle und dem Mangel an der anderen liegt eine Zusammenführung nahe.
Kirschning: "Mengenmäßig stimmt ja auch die Bilanz, der Unterschied liegt aber in der Zusammensetzung. Ursprünglich war es hauptsächlich Regenwasser, jetzt ist es aus größerer Tiefe hochgepumptes Grundwasser, wo es sich in der sauerstofffreien Umgebung mit Eisen und Mangan angereichert hat. Im Untergrund sind diese Stoffe im Wasser gelöst, bei Kontakt mit Luft wandeln sie sich in feste Partikel um, die - wenn auch mikroskopisch klein – doch einen feinen, braunen Schlamm bilden."

ECHO: Wirkt Eisen denn giftig?
Kirschning: "Nein, in kleiner Konzentration ist Eisen sogar ein lebenswichtiger Baustoff im Körper. Es ist in unserem Blut als Hämoglobin enthalten. Ohne Eisen würde der Sauerstofftransport in unserem Körper nicht funktionieren. Das Gleiche gilt auch bei Tieren. Aber die durch das Grundwasser eingeleitete Eisenmenge geht über den biologischen Bedarf weit hinaus und der sich bildende Eisenschlamm färbt nicht nur das Wasser im Zulaufgraben und Teich braun, sondern die Schwebstoffe sind so winzig, dass sie sich nur sehr langsam absetzen und sich überall verteilen. Sie bedecken die Wasserpflanzen, stören die Fotosynthese und damit das Wachstum, sie wandern in die Kiemen bei Fischen und Kaulquappen und bedecken den Laich der Frösche, so dass der Sauerstoffzutritt verschlechtert wird."

ECHO: "Wie kann man die Situation verbessern? Wäre der Vorschlag der Planerin aus München, die Teiche deutlich zu vergrößern, eine Lösung?
Kirschning: "Es mag Argumente für die Vergrößerung aus der Sicht eines Landschaftsplaners geben, hinsichtlich der Wasserqualität sehe ich keinen Vorteil. Schon jetzt versickert so viel Teichwasser wegen des tiefen Grundwasserstandes nach unten, dass die Teiche praktisch nie mehr wie früher überlaufen. Vor allem der südliche Teich wirkt wie ein Sammelbecken für Eisenschlamm, gelegentlich geht die Trübung auch in den Nordteich über. Eine Vergrößerung würde einen größeren Nachfüllbedarf und damit mehr Grundwasser und mehr Eiseneintrag bedeuten. Eine bessere Maßnahme wäre eine Eisenabscheidung zwischen Brunnen und Teicheinleitung. Eine ganz andere Frage ist die nach einem ausreichenden Sauerstoffgehalt im Teichwasser. Ich konnte mir jetzt am Wochenende ein teures Sauerstoff-Messgerät von der Universität Hannover ausleihen und habe an verschiedenen Stellen in Graben und im Uferbereich der Teiche gute Werte festgestellt. Natürlich war dies nur eine Punktmessung zur Orientierung und zu einem Moment, als die Teiche wieder klar waren. Meine Aktion ergab sich durch Ihre Frage und die Bitte um Stellungnahme an mich. Eine verlässlichere Aussage zur Gesamtsituation ist nur mit einer Langzeitmessung und Aufnahme von mehreren Parametern möglich, vor allem, wenn mal wieder ein kräftiger Grundwasserschub mit Eisen angekommen ist."

ECHO: Können Sie sich denn als Ehrenamtlicher eine Zusammenarbeit mit der Stadt vorstellen?
Kirschning: "Natürlich und gern, aber eine Fachfirma mit den richtigen Messgeräten sollte mit dabei sein."