Historische Schatzkiste lebt auf

Geschichtsträchtig: der Wasserturm im Eichenpark an der Stadtparkallee. (Foto: G. Gosewisch)
 
Werner Kirschning erklärt die Zusammenhänge vor Ort. (Foto: G. Gosewisch)

Wasserturm: Spannende Geschichte und Pläne

Langenhagen. Das ECHO berichtete in der Ausgabe vom 1. Juni, dass ein langfristiger Mietvertrag zwischen der Stadt Langenhagen und der Naturkundlichen Vereinigung Langenhagen für den Wasserturm im Eichenpark an der Stadtparkallee abgeschlossen wurde. Das ECHO sprach mit Werner Kirschning, Vorstandsmitglied der Naturkundlichen Vereinigung Langenhagen (NVL), über die alte Funktion und Pläne der NVL. Hier die Fortsetzung des Gesprächs:

ECHO: Sie sagten, dass der Wasserturm im Eichenpark die Gebäude des früheren Alters- und Pflegeheimes versorgt hatte. Für wie viele Personen war die Versorgung damals konzipiert?

Kirschning: "Versorgt werden mussten 800 bis 1.000 Bewohner des Heimes und zusätzliche 300 bis 500 Personen, die als Pflegepersonal, Handwerker, Verwaltung mit ihren Familien in Dienstwohnungen im oder nahe beim Heimgelände wohnten. Man rechnete zu jener Zeit noch nicht mit einem so hohen Pro-Kopf-Verbrauch wie heute, andererseits wurden zusätzlich eine Großküche, eine Wäscherei und Heißmangel, ein Badehaus, eine Gärtnerei und ein Gutshof mit vielen Tieren mit Trinkwasser versorgt."

ECHO: Konnte das Grundwasser in der Nähe vom Turm verwendet werden?

Kirschning: "Das Grundwasser ist in unserem Bereich stark eisen- und manganhaltig. Das Wasser in 10 Meter Tiefe ist sauerstofffrei, deshalb sind diese Bestandteile gelöst. Sie fallen aber bei Sauerstoffzutritt als mikroskopisch kleine braune Partikel aus und bilden einen ölartig aussehenden Film auf der Wasseroberfläche. Zur Aufbereitung gehört zunächst eine Verdüsung zur Sauerstoffanreicherung, danach erfolgt eine Filterung. Ohne diese Schritte wäre das Wasser trübe und nicht gut im Geschmack."

ECHO: Waren die Häuser von Langenhagen, damals noch ein Dorf, auch angeschlossen?

Kirschning: "Nein, das Alters- und Pflegeheim war ein in sich abgeschlossener Bereich, der zur Stadt Hannover gehörte. Das Heim wirkte wie ein Dorf mitten im Dorf. Pflegepersonal und Handwerker waren Angestellte der Stadt Hannover. Es gab sowohl eine personelle Abgrenzung als auch eine räumliche durch Zaun und Mauer."

ECHO: Aus heutiger Sicht ist das schlecht zu verstehen. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Kirschning: "Dies erklärt sich aus der Vorgeschichte. Die Stadt Hannover hatte 1862 noch Stadtmauern, die einerseits schützen sollten, anderseits aber auch einengten. Ein Platz für körperbehinderte und geistesgestörte Kinder wurde deshalb außerhalb der Stadtmauer gesucht, sozusagen ein „Ort auf dem Lande“. Zufällig wurde zur gleichen Zeit das sehr große Gebäude des Amtsgerichtes Langenhagen frei, weil die Zuständigkeit nach Hannover verlegt worden war. 1862 zogen in das Gerichtsgebäude Kinder und ein Lehrerehepaar als Betreuer ein. Zum Gebäude gehörte ein Grundstück, das sehr viel kleiner war als das spätere Heimgelände, aber es war die Keimzelle. Sechs Jahre später wurde zur medizinischen Versorgung der 25 Jahre junge Arzt Robert Koch eingestellt, der allerdings nur eineinhalb Jahre blieb und dann aus arbeitstechnischen und finanziellen Gründen kündigte. Den Wasserturm gab es noch nicht, er wurde erst 1905 gebaut, nachdem das Gesamtgelände wesentlich erweitert wurde und weitere Häuser für alte und schwache Menschen dazu kamen. Erst Jahrzehnte später wurde das Gelände nach und nach von Langenhagen gekauft, bestimmte Bereiche vorn gehören aber auch heute noch zu Hannover."

ECHO: Wenn man Baudaten von Wassertürmen vergleicht, so fällt auf, dass viele in der Zeit kurz nach 1900 gebaut wurden.

Kirschning: "Die Technologie der Wasserversorgung entwickelte sich sprunghaft mit dem Bau von hohen Speicherbehältern mitten im Siedlungsbereich. Auch der Wasserturm in Vahrenwald wurde etwa zeitgleich gebaut. Allerdings hat er mit 4100 m³ ein hundertfaches Fassungsvermögen und er galt im Jahr 1911 als größter von Europa."

ECHO: Warum baute man so hoch. Konsequenz war doch bei solchen Massen ein massives Gebäude und besonders stabile Fundamente?

Kirschning: "Der Vorteil eines Hochbehälters war ein gleich bleibender Zulauf in die umliegenden Häuser ohne zusätzliche Pumpen, allerdings musste der Wasserturm das höchste Gebäude im Ort sein. Natürlich musste man zunächst das Wasser in den Speicher hoch pumpen, aber die Anpassung an unterschiedliche Verbrauchsmengen z.B. Tag/Nacht war einfach. Selbst bei kurzzeitigem Stromausfall ergab sich eine Versorgungssicherheit."

ECHO: Das Argument des gleich bleibenden Vordrucks ist einleuchtend. Trotzdem stellt sich die Frage, warum die Wassertürme heute nicht mehr in Funktion sind, weder im Eichenpark noch in Vahrenwald.

Kirschning: "Das gilt nicht nur für die beiden genannten, sondern für alle Städte. Dem Vorteil des großen Vorrats und der Gleichmäßigkeit des Drucks stehen ein Nachteil gegenüber, nämlich die große Luftaustauschfläche und die damit verbundene Verkeimungsgefahr. Der Metallbehälter im Eichenpark hat einen Durchmesser von fünf Metern, in Vahrenwald sind es 20 Meter. Zwar sollte in Vahrenwald ein Metall-Deckel Verschmutzungen verhindern, trotzdem musste man einen Luftwechsel erlauben. Im Eichenpark hatte der Wasserbehälter nur eine Holzbohlenabdeckung und rundum einen Luftspalt. Das Eindringen von Keimen von der Luft ins Wasser war immer möglich. Einer messbaren Keimerhöhung wurde durch Stoßchlorierung entgegengewirkt."

ECHO: Bei den Stichworten Keim und Eichenpark drängt sich wieder der Name Robert Koch auf.

Kirschning: "Robert Koch entdeckte zunächst die Milzbrandbakterien und fünf Jahre später den Tuberkulose-Bazillus. Beides geschah in Berlin, also nach seiner Zeit in Langenhagen. 1905 wurde ihm der Nobelpreis verliehen, also im gleichen Jahr wie der Baubeginn. Es ist nicht auszuschließen, dass, hätte man ihn bei der Entwicklung des Wasserturm-Konzeptes eingeschaltet, er Bedenken zu einem offenen Trinkwasser-Hochbehälter gehabt hätte, aber die Entwicklung nahm einen anderen Verlauf. Zumindest ehrt Langenhagen den großen Mediziner mit einem Schul- und einem Straßennamen. Dass es auch eine Verbindung zum Eichenpark gibt, wissen wahrscheinlich nicht alle Langenhagener."

ECHO: Nun bleibt die Frage, wie denn heute die Trinkwasserversorgung ohne Wasserturm funktioniert. Was ist technisch neu hinzugekommen, was gab es 1905 noch nicht?

Kirschning: "Zum einen sind es die Erkenntnisse im Bereich der Biologie der Keime, die nach Robert Koch und Louis Pasteur erst zum Allgemeinwissen werden mussten. Zum anderen ist die Pumpentechnik mit besserer Anpassung von Bedarf und Liefervolumen so ausgereift, dass kein Zwischenbehälter zur Druckvergleichmäßigung mehr notwendig wird. Das gereinigte und aufbereitete Trinkwasser bleibt immer im geschlossenen System. Mir schwebt vor, eine Darstellung im Gebäude über die alte Form der technischen Anlage „Wasserturm“ auszuarbeiten. Für die Tierwelt ist der Wasserturm ein Gewinn, oben ist er Ersatzfelsen für Turmfalken, Eulen, Dohlen, hoffentlich auch bald Mauersegler. Die früheren Maschinenräume des Erdgeschosses nutzen wir als Verein und für die Schülerfirma Imkerei, der frühere Wassernotablassraum im Keller kann ein Winterquartier für Fledermäuse werden. Was wir noch brauchen könnten, sind tatkräftige Helfer zur Umsetzung von Ideen, sowohl im Gebäude als auch beim Umwelt- und Naturschutz. Informationen auf unserer Internetseite unter www.nvl-langenhagen.de."