Hochgeschwindigkeit am Seil

Volker Besang aus Bayern, Dritter in der Klasse bis 2,5 Kubikzentimetern. (Foto: D. Lange)
 
Michael Schmutz aus der Schweiz: Sieger der Klasse zehn Kubikzentimeter mit Tagesbestzeit. (Foto: D. Lange)

Speedmodellauto-Rennen auf dem Heidering

Kaltenweide/Kiebitzkrug (dl). Ein Glas Champagner enthält gerade einmal 100 Kubikzentimeter des edlen Getränks und bei den 50-Kubikzentimeter-Motorrädern spricht man von der sogenannten „Schnapsglasklasse“. Zahlen, über die die Speedmodell-Fahrer nur amüsiert schmunzeln können. Bei ihren Rennwagen haben sie es mit Hubräumen von 1,5 Kubikzentimetern bis 10 Kubikzentimeter zu tun, aber die haben es in sich.
Am Seil hängend kreisen die Fahrzeuge wie erdgebundene Projektile auf einer Bahn mit einem Durchmesser von knapp 20 Metern und einer Länge von 62,5 Metern. Dabei erreichen sie aberwitzige Geschwindigkeiten weit jenseits der 300 Stundenkilometer. Der Bestwert liegt in der Klasse bis zehn Kubikzentimetern derzeit bei mehr als 345 Stundenkilometern und das bei Motordrehzahlen von deutlich mehr als 40 000 Umdrehungen pro Minute. Die Geräusche, die die winzigen Zweitaktmotoren bei Höchstdrehzahl dabei produzieren, kann man sich in etwa wie eine wild gewordene Kreissäge im Verein mit einem Bataillon von aufgeregten Wespen vorstellen. Durch das Fahren auf der kreisrunden Bahn mit Rundenzeiten im Sekundentakt oder weniger wird dem hysterischen Kreischen obendrein noch ein gewisses rhythmisches Element hinzugefügt. Man hört also schon, ob die kleinen Renner wirklich schnell unterwegs sind oder nicht. Dazu gesellt sich noch der durchaus nicht unangenehme Geruch von Rizinusöl, denn die Motoren werden nicht mit normalem Zweitaktgemisch gefahren, sondern hier kommt eine Mischung von besagtem Rizinusöl und Methanol zum Einsatz. Mit handelsüblichem Treibstoff wären Motorleistungen in der Größenordnung von bis zu sechs PS auch gar nicht machbar. Nach dem Start durch Anschieben erfolgt die weitere Zunahme der Drehzahl und damit die Steigerung der Geschwindigkeit allein durch die Resonanzschwingungen der Abgase im Auspuffrohr. Viele der Fahrer sind sowohl Konstrukteur als auch Hersteller in Personalunion, andererseits gibt es aber auch fertige Bausätze zu bekommen. Vordere Plätze sind mit Rennwagen „von der Stange“ allerdings nicht zu erzielen, und wenn, dann nur nach mehr oder weniger aufwendigen Modifikationen. Aufgrund der hohen Drehzahlen ist das Material naturgemäß sehr starken Belastungen ausgesetzt, so dass Volker Besang aus Bayern beispielsweise keine zwei Rennen hintereinander mit dem selben Motor fährt. Für diesen Fall hat jeder Fahrer hat einen Satz mehrerer Austauschmotoren dabei. Der zweite Lauf zur Deutschen Meisterschaft und zur europäischen Grand Slam Serie im „Nudeltopf von Kiebitzkrug“ wurde weitgehend von den Fahrern aus der Ukraine dominiert. Sie gewannen fünf der sechs Klassen von 1,5 Kubikzentimetern bis fünf Kubikzentimetern. Bei den kleinsten, den 1,5-Kubikzentimeter- Winzlingen fuhr Andrii Yakymiv aus der Ukraine die schnellste Zeit mit 257,371 Stundenkilometern. Die höchste Geschwindigkeit bei den Fünf-Kubikzentimeter-Motoren lag mit 300,638 Stundenkilometern schon knapp über der magischen Grenze. Einzig in der „großen“ Klasse bis zehn Kubikzentimeter setzen sich die deutschen und die Schweizer Fahrer durch. Das Siegerfahrzeug von Michael Schmutz aus der Schweiz fuhr gleichzeitig die Tagesbestzeit von 333,593 Stundenkilometern.