„In diesem Winter ist alles möglich“

Diplom-Meteorologe Heino Strunk aus Mellendorf stand dem ECHO Rede und Antwort. (Foto: Foto: S. Birkner)
Wedemark. Wenn man schon einen aus den Medien bekannten Meteorologen vor Ort hat, sollte man diesen in einem solchen Jahrhundertwinter auch zu Wort kommen lassen: ECHO-Mitarbeiter Silvan Birkner sprach mit Heino Strunk über die aktuelle Wetterlage und die Aussichten. Heino Strunk, geboren 1956 in Rendsburg, studierte in Kiel Meteorologie und legte 1980 sein Diplom ab. In seiner beruflichen Laufbahn verlebte er unter anderem einen fünfzehnmonatigen Forschungsaufenthalt in der Antarktis. Ab 1992 arbeitete er für den Rundfunksender Hit-Radio Antenne Niedersachsen, wo er später als „Heino der Wetterfrosch“ Bekanntheit erlangte. Seit 2008 ist er Mitglied der WetterOnline-Internet-Redaktion und befasst sich so täglich mit bundes- und weltweiten Wetterphänomenen. Mit seiner Familie lebt er seit 17 Jahren in der Wedemark.
ECHO: Herr Strunk, bereits seit einem Monat werden wir Wedemärker von der Kälte fast ununterbrochen in Atem gehalten. Können Sie einen Zeitrahmen abschätzen, wie lange es eisig bleiben wird?
Strunk: Fast mit Sicherheit lässt sich sagen, dass es in den nächsten anderthalb Wochen kalt bis sehr kalt bleiben wird. Alles, was darüber hinausgeht, ist reine Spekulation. Es liegt allerdings durchaus im Rahmen der Möglichkeiten, dass noch ein außergewöhnlich strenger, langatmiger Winter auf uns zukommt.
ECHO: Sie sprechen von einem Phänomen, das nur äußerst selten auftritt. Haben Sie als Meteorologe eine plausible Erklärung für die Kälte?
Strunk: Ja. Anders als in den meis-ten Wintern ist es in diesem Jahr so, dass Deutschland fast gänzlich von milder Atlantikluft abgeschnitten ist. Die Wetterlage ist geprägt durch kräftige Hochdruckgebiete bei Island, an deren Ostflanke arktische Luft aus Russland und Skandinavien zu uns dringen kann. In gewisser Weise hatte es sogar schon Vorzeichen für einen kalten Winter gegeben. Ers-tens war das Wasser im zentralen Nordatlantik seit dem Sommer ungewöhnlich kalt. Und, fast noch wichtiger: Auf der Sonne geht es seit Jahren ungewöhnlich ruhig zu, sie offenbart nur wenige schwarze Flecken. Wenn man aber den Verlauf der vergangenen 100 Jahre betrachtet, so sind in Zeiten einer ruhigen Sonne häufig kalte Winter aufgetreten.
ECHO: Bedeutet das, dass die Sonne an Kraft verloren hat?
Strunk (lacht): Nein ein halbes Prozent weniger Strahlung macht den Kohl nun wirklich nicht fett, es handelt sich da um ganz komplizierte indirekte Vorgänge. Wenn man aber die Kurven der Sonnenaktivität mit dem Verlauf der Erdtemperatur vergleicht, so zeigt sich, dass zum Beispiel auch die Extremwinter des 20. Jahrhunderts zeitlich meist sehr dicht an einem Minimum der Sonnenaktivität gelegen haben.
ECHO: Kommen wir nun wieder zur Situation in der Wedemark. Dass bei anhaltender Kälte und neuerlichen Schneefällen weiterhin mit gefährlicher Straßenglätte zu rechnen ist, versteht sich von selbst. Müssen sich Gartenfreunde und Landwirte allmählich auch Sorgen um die Pflanzenwelt machen?
Strunk: Da gibt es unterschiedliche Aspekte. Natürlich stellen strenge Frostgrade eine harte Belastung für die Pflanzenwelt dar. Die meisten heimischen Pflanzenarten sind jedoch auf derartige Situationen vorbereitet. Schwer werden es eher exotische Pflanzen wie zum Beispiel Aprikosenbäume haben. Günstig und lindernd wirkt dagegen der viele Schnee, der schon gefallen ist. Er stellt eine isolierende Schutzschicht zwischen der kalten Luft und dem Erdboden dar. Wintergetreide sollte daher nach jetzigem Stand kaum Schäden davontragen. Auch um die in den Frühlingsmonaten aufblühenden Krokusse, Tulpen und Osterglocken würde ich mir vorerst keine Sorgen machen.
ECHO: Während der Mellendorfer TV bereits am Sonntag mit der Rückrundenvorbereitung begonnen hat, ziehen fast alle Wedemärker Fußballvereine bis Ende Januar nach. Wagen Sie eine Prognose, wie sehr die Übungseinheiten vom Wetter beeinträchtigt werden könnten?
Strunk: Ich möchte da keine Schwarzmalerei betreiben, aber es sieht gar nicht gut aus. Der Schnee wird in jedem Fall noch locker eine Woche liegenbleiben. Sollte der Winter dann tatsächlich auch danach noch in voller Härte anhalten, so kann man sich leicht ausmalen, dass in den Spielplänen einiges durcheinander geraten wird.
ECHO: Welche Maßnahmen empfehlen Sie den Wedemärkern, um Haus und Garten vor der anhaltenden Kälte zu schützen?
Strunk: In kalten Wintern bleibt es nicht aus, dass gelegentlich auch sehr strenge Fröste auftreten. Ein Beispiel dafür hatten wir ja schon um den vierten Advent herum, als es in der Wedemark Frost bis minus 19°C gab. Es ist naheliegend, dass sich derartige Fröste wiederholen werden. Es sollte ein besonderes Augenmerk darauf
gelegt werden, dass Wasserrohre und -leitungen gut isoliert sind und nicht platzen können. Dies gilt leider auch für Autokühler, wenn der Frostschutz nicht mehr ausreicht. Kleine, aber unangenehme Überraschungen an eiskalten Morgen lassen sich vermeiden, wenn man noch einmal seine Autobatterie überprüfen lässt.
ECHO: Wie Sie vermutlich mitbekommen haben, hat die Gemeinde Wedemark im letzten Jahr ein eigenes Klimaschutzprogramm verabschiedet. Wie passt dieser ungewöhnlich starke Winter in das Bild einer globalen Erwärmung?
Strunk (runzelt die Stirn): Grundsätzlich gilt, dass das aktuelle Wettergeschehen und das Klima zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Die derzeitige Kälte in weiten Teilen der Nordhalbkugel widerspricht daher nicht automatisch einem Trend zur Erderwärmung, wie ihn der Weltklimarat prognostiziert hat. Grundsätzlich bin ich, was die vielfach beschworenen Katastrophenszenarien angeht, jedoch eher skeptisch. Niemand kann wirklich wissen, ob es so kommen wird. Unsere Wissenschaft ist noch viel zu lückenhaft, um das Erdklima auch nur halbwegs exakt vorhersagen zu können. Dass es einen Treibhauseffekt gibt, steht außer Frage. Es ist allerdings gut möglich, dass unser Planet weit mehr Fähigkeiten zum Ausgleich besitzt, als bisher angenommen wird. Unabhängig davon sind Umweltschutzmaßnahmen aber in jedem Fall zu begrüßen und das Wedemärker Klimaprojekt ist eine vernünftige Sache.
ECHO: Herr Strunk, das Wedemark ECHO bedankt sich für das außerordentlich informative Gespräch!
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