„Jauchzet, frohlocket...!“ Weihnachtliche Klänge in Elisabeth

Der 70-köpfige Chor bereitete ein überwältigendes und voluminöses Klangerlebnis.

Matthias Eisenberg verzaubert an der Orgel

Langenhagen. Knisternde, gespannte Stille am dritten Adventssonntag kurz vor 17 Uhr in der Elisabethkirche. Der große Chor hat Aufstellung bezogen, das Orchester ist auf standby. Die langen Minuten des Wartens scheinen symbolisch für die Bedeutung der Adventszeit zu stehen – Erwarten – Ankommen. Unter Applaus ziehen endlich Solisten, Organist und Dirigent ein. Wenige Augenblicke später wird das geduldige Warten belohnt mit den festlichen Eingangsklängen des Bach’schen Weihnachts-Oratorium: „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage!“ im beswingten 3/8 Takt, umrahmt von majestätischen Trompetenklängen und den typischen – den Gesangsrhythmus nachahmenden – Paukenschlägen.
Weihnachtsfeeling pur ist angesagt! Schöner kann die Vorfreude aufs bevorstehende Christfest nicht gesteigert werden als durch dieses hochkarätige Konzert unter Leitung von Kantor Arne Hallmann. Er hat zusammen mit seinen insgesamt 125 musikalischen Akteuren wieder einmal bewiesen, dass man nicht erst in die Landeshauptstadt fahren muss, um konzertante Hochkultur genießen zu können.
Überzeugend auch die Zusammenstellung des Programms. Entgegen der langläufigen Gepflogenheit die Kantatenfolge 1 bis 3 des Weihnachts-Oratorium von Johann Sebastian Bach (BWV 248) aufzuführen, erklangen dieses Jahr neben der ersten die Kantaten 4 und 6. Die beiden letztgenannten wurden mit einer erstaunlichen Sicherheit präsentiert, obwohl sie erst nach den Sommerferien eingeübt wurden.
Auch wenn zu Bachs Zeiten (Uraufführung der sechs Kantaten in Leipzig zwischen Weihnachten 1734 und Epiphanias 1735) deutlich kleinere Chöre üblich waren und man auch in der heutigen, historischen Aufführungspraxis wieder zu überschaubaren, klanglich schlankeren Chorgrößen übergeht, hat sich Arne Hallmann genau für das Gegenteil entschieden. So versammelten sich neben der hauseigenen Kantorei zahlreiche Gast-Sängerinnen und -Sänger aus Langenhagen, aus den Kirchengemeinden Wettmar und Großburgwedel, sogar aus Hannover und Düsseldorf.
So gab der mit seinen mehr als 70 Personen umfassende Chor ein voluminöses, überwältigendes Klangbild ab, bei fast durchgängiger Textverständlichkeit. Lediglich die Präzision einzelner Koloraturen verwischten dann und wann in der Masse der Singenden. Doch immer wieder auch berührende Momente, wenn der Chor einzelne Passagen bewusst ausgestaltet, um Textaussagen zu unterstreichen oder zu deuten wie etwa gleich zu Beginn im Eingangschor das verhalten deklamierte „verbannet die Klage“.
Auch die nachwachsende Generation von Sängerinnen und Sänger konnte sich einbringen: Der Kinder- und Jugendchor der Elisabethgemeinde bereicherte, wie in der Aufführungspraxis üblich, den cantus firmus des Chorals „Er ist auf Erden kommen arm“ (Kantate 1) mit einer betont kindlichen Melodielinie, die sich vom korrespondierenden Bass- Rezitativ wohltuend abhob. Allerdings wäre eine ergänzende Unterstützung einzelner erwachsener Sopransängerinnen hilfreich gewesen für einen ausgewogenen Gesamtklang.
Von den vier Gesangssolisten überzeugten vor allem Michael Zumpe (Bass) und Melanie Frenzel (Alt) durch ihre ausdrucksstarke Gestik und tonale Farbgebung. Frenzel gestaltete zudem solistisch zwischen den Kantaten 4 und 6 die Arie „Schließe, mein Herze“ gemeinsam mit der Konzertmeisterin Gabi Andritzky (Violine) quasi als musikalischen Gruß aus der dritten Oratoriums-Kantate. Trotz seiner wohltuend klaren Tenorstimme versteckte sich Christoph Rosenbaum gelegentlich – mehr als es nötig gewesen wäre – emotionsreduziert hinter der funktionalen Rolle des biblischen Erzählers.
Francisca Prudencio (Sopran) hingegen glänzte besonders mit der Arie „Flößt, mein Heiland, flößt dein Namen“ (Kantate 4), bei welcher als Gegenpart Elisabeth Pape (Leiterin des Langenhagener Singkreises) die Stimme des Heilands aus dem „off“ (das heißt aus dem hinteren Teil des Kirchraumes) sicher und ohne Zeitverzögerung sang – ein faszinierend kompositorischer Effekt aus dem Barock.
Und dann: Matthias Eisenberg! Unvergessen seine hochkarätige Konzertreihe im Jahre 1992, als er, angestellt vom Stadtkirchenverband Hannover, das gesamte Bach’sche Orgelwerk an zwölf Konzertabenden an der Compenius-Orgel der Martinskirche zu Engelbostel zelebrierte. Mittlerweile Kirchenmusikdirektor und Professor – und in der Funktion auch Lehrer von Arne Hallmann gewesen, legte Matthias Eisenberg zwischen den Kantaten 1 und 4 eine Orgelimprovisation hin, die Gemeinsamkeiten mit seiner aktuellen Frisur hatte: wild, struppig, vor allem genial und furios wie ein musikalischer Albert Einstein.
Bei Orgelimprovisationen vom Schlage Eisenbergs – er ist Meister seines Faches – weiß man nie, wie sie enden und vor allem wann sie enden... Ein Erfolgserlebnis für den Zuhörer, der herausfand, dass Prof. Eisenberg sich über den Weihnachtschoral „Lobt Gott, ihr Christen alle gleich“ ausließ. Das im wahrsten Wortsinne harmonisch-verrückte Klangfeuerwerk erzeugte ein Hörerlebnis, bei welchem Freude, Staunen und Überraschung gleichsam wie Drillinge nebeneinander standen. Zugegeben, einen ordentlichen Zwischenapplaus hätte Matthias Eisenberg verdient gehabt auf dem Rückweg zum Altarraum, bevor er sich wieder demütig und unterordnend an die Truhenorgel zur Continuo-Begleitung der Kantate 4 setzte...
Beim 24-köpfigen Instrumentalensemble machte es einfach Spaß, die Spielfreude und Leichtigkeit beim Musizieren zu beobachten, das Kommunizieren mittels Zulächeln und Augenzwinkern. Das Kammerorchester „Camerata di San Marco“ Hannover wurde dabei ergänzt durch bekannte Gesichter aus Langenhagen wie Stefan Polzer (Pauken), Meike Unger und Keiji Takao (Horn) sowie Mirco Meutzner (Trompete).
Als Ausnahmetalent erwies sich schließlich der erst 23-jährige Fabian Neuhaus – seit einem Jahr Solotrompeter bei der NDR Radiophilharmonie Hannover, der mit seiner hohen Bachtrompete insbesondere beim Schlusschor der Kantate 6 virtuos wie brillant eine feierliche Note setzte und damit dem knapp zweistündigen Konzert in der bis auf den letzten Platz besetzten Elisabethkirche zu einem festlichen Abschluss verhalf.
Alles in allem ein bewegender, segensreicher Abschluss des dritten Advents. Mit lang anhaltendem Applaus wurde die qualitativ herausragende Leistung von Chor, Orchester und Kantor Arne Hallmann honoriert. Dieser hielt zu jeder Zeit die Fäden fest in der Hand mit seiner unaufgeregten, sparsamen und zugleich exakten Art des Dirigierens. Und: ein schöneres Geburtstagsgeschenk zum 40. als dieses vorweihnachtliche Event konnte sich Arne Hallmann nicht bereiten (lassen). Deshalb im doppelten Sinne: Herzlichen Glückwunsch!

Holger Kiesé

Holger Kiesé