Kein "Trauma" mit mehr Pädagogen?

Langenhagener Schulleiter zum Thema "Sitzenbleiben oder nicht?"

Langenhagen (ok). Keine Schullaufbahnempfehlung mehr nach der vierten Klasse, Noten in der Grundschule abschaffen, weniger Klassenarbeiten, dafür mehr Gruppenarbeit. Es scheint, als wollte die neue rot-grüne Landesregierung dem niedersächsischen Bildungssystem eine Radikalkur verpassen, den konservativ-bürgerlichen Vorgängern sträuben sich die Nackenhaare. Den größten Diskussionsstoff liefert aber wohl das Vorhaben von SPD und Grünen, das Sitzenbleiben abzuschaffen, dafür zielgerichteten Förderunterricht verpflichtend anzubieten.
Das ECHO hat bei Leitern der weiterführenden Schulen in Langenhagen nachgefragt, wie sie zu der Ehrenrunde stehen: Irene Kretschmer, Schulleiterin des Gymnasiums Langenhagen, ist es wichtig, dass "die Schülerinnen und Schüler mit Freude und erfolgreich zur Schule gehen". Daher gebe es auch Fälle, in denen eine Wiederholung der Klassenstufe sinnvoll sei, um Grundlagen zu festigen und damit den Erfolg der weiteren Schullaufbahn zu sichern. Eine Nichtversetzung stelle stets eine Einzelfallentscheidung dar, die sehr sorgfältig abgewogen werde. Prinzipiell die Nichtversetzung abzuschaffen, stellt ihrer Meinung nach keine Lösung dar. Es sei wichtig, dass sowohl Schülerinnen und Schülern der Leistungsstand gemessen an den vorgegebenen Standards verdeutlicht werde. Die dokumentierten die Versetzung in die nächsthöhere Klassenstufe und letztendlich auch die Studierfähigkeit. Die Schülerinnen und Schüler würden durch Förderunterricht und Hausaufgabenhilfe aber unterstützt, wo es nur ginge. Nachprüfungen seien auch möglich, und letztendlich entschieden auch die Persönlichkeit und der pädagogische Aspekt über die Versetzung.
Für Wolfgang Kuschel, Schulleiter der Integrierten Gesamtschule Langenhagen, ist das Sitzenbleiben ein untaugliches Instrument, Schülerinnen und Schüler zu besseren Leistungen oder gar "zur Besinnung" zu bringen. Das bewiesen nicht nur wissenschaftliche Studien, sondern auch die Praxis an der IGS, wo sich Schülerinnen und Schüler in der Regel immer wieder fingen und gute Abschlüsse hinlegten. Sie müssen allerdings durch Lehrer gefördert werden, die den unbedingten Willen haben, den Schülerinnen und Schülern zu helfen.Wolfgang Kuschel: "Sitzenbleiben demütigt Schüler, ist volkswirtschaftlich und bildungspolitisch völlig unsinnig und gehört auf den Abfallhaufen der Bildungsgeschichte, weil es in der Regel unheilbare Verletzungen bei den Betroffenen hinterlässt. So etwas hat in einer humanen Schule nichts zu suchen."
Sehr differenziert betrachtet Joachim Kirschning, Leiter der Robert-Koch-Realschule, das Problem. Kirschning hat von 1974 bis 1990 an der IGS Langenhagen unterrichtet und dort die Erfahrung gemacht, dass es auch ohne Sitzenbleiben geht. Immer wieder gebe es Schülerinnen und Schüler, für die Sitzenbleiben eine "traumatische Erfahrung" darstelle. Aus diesem Grunde plädiert er zwar grundsätzlich für eine Abschaffung, schränkt aber ein: "Das geht nur mit einer Systemumstellung." Im Gegensatz zum integrierten Schulsystem seien Haupt- und Realschulen deutlich schlechter mit Lehrer- und Verwaltungsstunden ausgestattet. Es sei ein Irrtum, dass es an seiner Schule "relativ homogen" zusammengesetzte Klassen gebe und daher alles einfacher zu unterrichten sei. Im Gegenteil: Die unterschiedlichen Unterrichtsgestaltungen der "hart und kompetent arbeitenden" Lehrerinnen und Lehrer an seiner Schule für die "An-Sich-Sitzengebliebenen" seien zusätzlich zur Riesenaufgabe der Integration von Förderschülern in den kommenden Jahren so nicht zu schaffen.
Beratungslehrer und Sozialpädagogen fehlten an der RKS, 30er-Klassen mit oft schwierigeren und weniger leistungsbereiten Schülerinnen und Schülern stellten sein engagiertes Kollegium vor Herausforderungen, dass dieses trotz der widrigen Umstände meistere. Gleichwohl: "An allen Schulen besteht die Gefahr, dass überlastete Lehrpersonen in ihrer Not an der Stellschraube Anspruchsniveau drehen, und das kann niemand wollen. Gute, nachhaltige Bildung ist teuer, aber wichtig für unser Land. Ich hoffe sehr, dass wir in unseren Schulen besser versorgt werden, zumal, wenn uns in Zukunft so große zusätzliche Aufgaben gestellt werden sollten."