Keine Klagelieder

Ich traf ihn bei einer Geburtstagsfeier. Er brachte zwei wunderschöne Hunde mit, von denen man merkte, er mag sie, er nimmt sich auch ganz viel Zeit für sie. Und die Hunde gehorchten ihm, waren immer um ihn, passten auf.
Im Lauf des Abends sagte er: „Tiere sind die besseren Menschen,“ mein darauf ärgerlich werdendes Gesicht interpretierte er als ungläubiges Staunen und fuhr fort:“ Diese Tiere würden sich für mich umbringen lassen, welcher Mensch würde das schon tun.“ Auf meine Antwort „ sie folgen nur ihrem jahrtausende alten Naturgesetz, indem sie sich für ihr Leittier einsetzen,“ beendete dann unser Gespräch, er war beleidigt.
Ich kenne diesen Satz „Tiere sind die besseren Menschen“ und halte ihn für schlicht und einfach schwachsinnig, aber ich spüre natürlich die Enttäuschung in den Menschen über Erlebnisse und Erfahrungen, die sie gemacht haben. Die Flucht zum wehrlosen Tier wird verständlich.
Und wenn man das anspricht, dann gehen die Klagelieder los, wer was wann wie Böses einem getan hat, wie ungerecht das Leben war, eben Klagelieder.
Ich weiß wie ungerecht es im Leben zu gehen kann, ja auch wie gemein. Jeder hat die Möglichkeit, dabei stehen zu bleiben, zu fliehen oder sich damit auseinanderzusetzen.
So lange man nur auf das Leid starrt, gibt es keine Bewegung, keine wirkliche Auseinandersetzung. Da werden dann Tiere zu besseren Menschen, da flieht man vor sich.
Aber in der Auseinandersetzung mit dem Leid können neue Lieder entstehen.
Der Psalm für diesen Sonntag will die Menschen ermutigen neue Lieder zu singen. Und wenn ich mir die alten Psalmlieder im Alten Testament ansehe, so wird dort das Leid und die Not nicht verschwiegen. Aber die Menschen werden ermutigt, über ihren Horizont, über das, was gerade sichtbar vor Augen ist, hinwegzusehen.
Und dann kann es damals wie heute geschehen, dass der Blick etwas freier wird und Menschen anfangen, wenigstens ein wenig ihre Sorgen hinter sich zu lassen. Sie nehmen dann wahr, was es alles an Grund zur Dankbarkeit und Freude gibt: Und damit beginnen die neuen Lieder. Gelingt das auch uns?

Paul-Martin Gundert, Pastor