Kioks am Spielplatz gehört dazu

Hilfe bei psychischen Problemen bleibt

Region. Hemmschwellen überwinden, Kontakte knüpfen, schwierige Situationen meistern – Menschen mit psychischen Erkrankungen, die nicht am Arbeitsmarkt angebunden sind, fehlen oft diese wichtigen Erfahrungen für das Selbstwertgefühl. Seit mehreren Jahren fördert die Region zwei Beschäftigungsprojekte, die diesen Menschen ermöglichen, sich durch eine sinnvolle Betätigung aus der sozialen Isolation zu befreien und eine eigene Tagesstruktur aufzubauen. 83 Frauen und Männer insgesamt haben bereits erfolgreich an den beiden Pilotprojekten teilgenommen. Jetzt sollen die niedrigschwelligen Arbeitsangebote ihren Pilotstatus verlassen und zur festen Einrichtung mit zunächst 60 Plätzen werden. Dafür plant die Region insgesamt rund 1,5 Millionen Euro für die nächsten vier Jahre ein. 
„Ob im Café, im Seniorenheim oder bei Kulturveranstaltungen: Sinnvolles Arbeiten hilft den Menschen, die aufgrund ihrer psychischen Beeinträchtigung aktuell als nicht erwerbsfähig gelten, sich im geschützten Rahmen im ganz eigenen Tempo den Tag zu gestalten“, so Erwin Jordan, Dezernent für Soziale Infrastruktur der Region Hannover. „Hier geht es zum einen um gesellschaftliche Teilhabe für die Betroffenen, aber auch darum, das gesellschaftliche Verständnis für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen zu stärken.“
Projektträger sind die AWO Region Hannover und "beta89", der Verein für betreuendes Wohnen und Tagesstrukturierung psychisch Gesundender. Die AWO startete im Jahr 2014 ihr Beschäftigungsangebot „AWO Zuverdienst“, "beta89" rief im Jahr 2015 die Maßnahme „Tagesstrukturierung durch Betätigung“ (beta-TaB) in das Leben, die in Langenhagen zum Betrieb des Kiosks am Spielplatz "In den Heestern" führte. Insgesamt hat die Region Hannover die beiden Maßnahmen bisher mit rund 620.000 Euro gefördert. Kern der Projekte beider Organisationen sind die persönliche Betreuung, Begleitung in Krisenfällen und Unterstützung der Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen bei der Bewältigung der Anforderungen eines organisierten Arbeitsbetriebes.
Gudrun Ischebeit nimmt seit 2016 an der Maßnahme beta-TaB teil. Die 60-Jährige ist vor rund 15 Jahren aufgrund ihrer psychischen Erkrankung aus dem Berufsleben ausgeschieden. „Die Maßnahme verändert meine Krankheit zum Positiven, ich werde hier als gesunde Person behandelt“, beschreibt die gelernte Einzelhandelskauffrau, die lange Zeit im Einzelhandel als Verkäuferin gearbeitet hat. Jetzt erledigt die Hannoveranerin zwölf Stunden in der Woche beim Versandhandel „Chocolat deluxe“ Büroarbeiten und den Paketversand. „Ich bin so froh, dass es dieses Projekt gibt, ich bekomme eine Menge wieder. Und es kann jeden treffen – ich wünsche mir, dass noch mehr Firmen Menschen wie mich beschäftigen!“
Wie die Beschäftigung aussieht und wo die Teilnehmer eingesetzt werden, hängt ganz von individuellen Bedürfnissen und Problemlagen ab – das Angebot reicht von der Pflege von Grünanlagen bis zu Tätigkeiten in der Gastronomie oder Hauswirtschaft. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre hat gezeigt, dass viele Teilnehmer weniger als drei Stunden am Tag schaffen. „Teilnehmer können stolz auf sich sein und Zutrauen zu sich zu finden“, sagt Stefanie Hehle, Projektkoordinatorin von "beta-TaB".
Die Regelförderung von insgesamt 1,5 Millionen bis zum Jahr 2021 Euro ist vom Regionsausschuss beschlossen. Am Dienstag, 6. März, folgt das Votum der Regionsversammlung.