"Krähenwinkel ist kein Witzblattort"

Herzlich willkommen fühlte sich ein hannoverscher Reporter schon vor 75 Jahren in Krähenwinkel. Foto: K. Raap

Interessante Analyse eines hannoverschen Reporters vor 75 Jahren

Krähenwinkel (kr). Die erste Nennung des Ortsnamens Krähenwinkel vor 400 Jahren wurde im Jahr 2012 gebührend gefeiert. Neben vielen geschichtsträchtigen Informationen und präzise recherchierten Ereignissen aus den letzten hundert Jahren, gab es auch eine äußerst skurile Geschichte zu vermelden. "Das Dorf Krähenwinkel ist kein Witzblattort" titelte die Niedersächsische Tageszeitung vor 75 Jahren einen ausführlichen Bericht über die Ortschaft. Was hinter dieser Überschrift stand, hatte eine ebenso interessante wie lustige Vorgeschichte. Damals verstand man unter dem der Bezeichnung Krähenwinkel sehr ähnlichen Namen Krähwinkel einen fiktiven Ort, der gleichzusetzen war mit einer spießbürgerlichen Kleinstadt mit langweiligen und rückständigen Provinzlern. Das geschah im Sprachgebrauch aber auch in der Literatur. Mit diesem Krähwinkel beschäftigte sich schon Jean Paul Sartre im Jahr 1801. Auch August von Kotzebue ließ die ungemein negativen Eigenschaften der Krähwinkler in zwei seiner Stücke einfließen. Und Heinrich Heine verdeutlichte in einem Gedicht, "dass Deutschland in seinen Augen genauso wie Krähwinkel ein verschlafenes Nest ist, das sich bereitwillig alles von den Herrschern diktieren lässt und keinerlei Ambitionen zur Revolution hat. Für den damaligen Reporter der Niedersächsischen Tageszeitung war das bei der Namensähnlichkeit Grund genug, den Ort Krähenwinkel akribisch unter die Lupe zu nehmen. Und aus seinen wirklich gründlichen Recherchen resultierte dann die oben schon genannte Überschrift seines Artikels. So schrieb er damals unmissverständlich: "Es sei an dieser Stelle besonders festgestellt: Krähenwinkel hat nichts gemein mit dem aus allen Witzblättern des In- und Auslands so bekannten Krähwinkel." Aber er hatte zu diesem Thema noch eine tatsächlich wahre Geschichte ermittelt: "So wurde der heutige Bürgermeister Heinrich Schaumann, der als Offizier den Weltkrieg mitmachte, einmal auf einer Schreibstube nach seinem Geburtsort gefragt. Krähenwinkel lautete natürlich die prompte Antwort. Darob unterdrückte der Schreibstuben-Feldgraue nur mühsam ein Lachen und sagte dann, in der Meinung der Gefragte habe einen Witz gemacht: Aber Herr Leutnant ich meine im Ernst ihren richtigen Geburtsort, ich muss das nämlich eintragen."
In seiner ausführlichen hochinteressanten Analyse Krähenwinkels, die in Helmut Biermanns Schriften über den Ort im Stadtarchiv nachzulesen ist, war der Journalist besonders angetan von Friedrich Reßmeyer: "Der Ortsbauernführer ist eifrig bemüht, die Chronik der alten Erbhöfe aus vergilbten Blätten zu erfahren und zu sammeln. Mit diesen Arbeiten hatte Reßmeyer beachtliche Erfolge, so dass die Geschichte der Erbhöfe bis in das 14. Jahrhundert nachgewiesen werden konnte." Wenn heute aktuell über einen trostlosen Ortsmittelpunkt berichtet wird, betonte der Reporter schon vor einen dreiviertel Jahrhundert: "Im Zuge der Dorfverschönerung, an die man schon in den nächsten Wochen in Krähenwinkel herangehen wird, hat man den hässlichen und das Dorfbild verschandelnden Reklameschildern besonderen Kampf angesagt." Gut informiert nach seinen diversen Gesprächen zeigte sich der Journalist auch über die Dorfentwicklung:"Das Gesicht Krähenwinkels wurde vor allem Dingen durch die Eingemeindung der Siedlung an der Friedensallee neu geformt. Aus dieser Siedlung sollte eigentlich ein selbständiges Dorf werden, für das schon eine Kirche vorgesehen war. Durch widrige Umstände fiel der große Umfang dieses Bauvorhabens allerdings ins Wasser. Letztlich war die Gemeinde Krähenwinkel froh, dieses Erbe antreten zu können." Aber der wirtschaftliche Niedergang habe weiter Planungen verzögert. Jetzt habe man angefangen, den trostlosen Zustand der Straßen zu beheben: "Die Friedensallee und die Eichstraße erhielten kürzlich eine neue Schotterdecke. Noch in diesem Jahr werden neue Siedlungshäuser erstellt." Obwohl der autolose Reporter einen anstrengenden Rückweg nach Hannover hatte, der elektrisch betriebene Oberleitungsbus fuhr ab Eingang des heutigen Altenzentrums Eichenpark und das nur alle 90 Minuten, brachte er einen sehr kurzweiligen und durchaus positiven Beitrag für die Niedersächsische Tageszeitung zu Papier.