Krisen

„Ich krieg gleich die Krise“ - ein Ausdruck von Verzweiflung in einer Situation oder auch Zweifel an sich selbst. Das Wort „Krise“ ruft bei uns sofort das Bild von Bedrohung auf - macht Angst. Unser Leben könnte aus den Fugen geraten. Krisen gibt es mehr und mehr. Seit Einführung des Smartphones bekomme ich mehrere pro Tag auf dem Display angezeigt. Und immer wird mit „Krise“ das Gefühl von Angst und Bedrohung in uns hervorgerufen. „Krise“ ist also ein gefährliches Wort. Worte können auch sehr gefährlich sein. Sie können heilen, Zukunft gestalten, verteidigen, aber auch zerstören, wie Waffen gebraucht werden. Diese Erkenntnis geht zurück bis vor das Alte Testament in die religiöse Welt der Sumerer, Hethiter und Ägypter. Menschen konnten gesegnet werden, aber auch verflucht werden. Und diese Worte hatten immer ihre Wirkung. Davon reden auch die Geschichten der Bibel. Wir sollten uns also gut überlegen, bestimmte Begriffe zu benutzen - zum Beispiel „Flüchtlings-Krise“. Da stecken gleich zwei Gefahren drin. Das Wort Flücht – „ling“ ist schon in sich eine Abwertung, wie die Linguistin Charlotte Wehling feststellt. „-ling“ als Endung macht klein und unbedeutend, vernachlässigungswert. Und „der Flüchtling“ ist immer männlich, fremd und bedrohlich, macht uns also Angst. Verbunden mit dem Wort „Krise“ wird das sogar noch schlimmer. Das ist also eine richtige Bedrohung. Ähnlich ist es mit der „Flüchtlings-Welle“. Die uns glauben lässt, das eine ungeheure Flut von „Fremden“ über uns hereinbricht, unter deren Wucht wir ertrinken. Ist es denn wirklich eine Krise oder werden wir durch „diese Worte“ in die Irre geführt. Die Krise ist doch dort, wo die „Geflohenen“ herkommen, im „Nahen Osten“. In Syrien, Afghanistan, Irak, Libyen. Dort tobt der Krieg. Dort haben Menschen die „Krise“, weil ihr Überleben in Gefahr ist. Sie fliehen – weil sie kaum eine Alternative zum Überleben haben und kommen zu uns. 800.000 Geflohene auf 80 Millionen Einwohner im Jahr 2015. Das sind in einer Kirche, die mit 400 Menschen am Heiligen Abend gefüllt ist, vier Personen – mehr nicht. In den Medien wird uns dagegen die Krise vermittelt und in unseren Köpfen gefestigt. Und dennoch sind es unter 20 Prozent der Bevölkerung, die die Geflüchteten als Bedrohung wahrnehmen. Dagegen stehen die vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer in der Arbeit mit Geflüchteten. Das ist die Mehrheit. Die sehen und haben keine Flüchtlingskrise – die fassen an und helfen. Das muss nur laut, öffentlich und deutlich gesagt werden. Also keine Krise, sondern eine Aufgaben, die zu schaffen ist. Tue Gutes und rede gut darüber. Auch das ist Evangelium.
Falk Wook, Pastor