Kunst auf Zeit

Christa Schmidt und ihre farbintensiven Acrylimpressionen. (Foto: D. Lange)
 
Hendrik Fuge: ein nachdenklicher Künstler. (Foto: D. Lange)

Künstler aus Wiesenau haben Abbruchhaus zur Kunstgalerie umfunktioniert

Langenhagen (dl). Die alten Mietshäuser in der Freiligrathstraße in Wiesenau stehen schon lange leer und die ehemaligen Mieter haben ihre viel zu kleinen Wohnungen längst verlassen. Nur die Namen an Briefkästen und Klingelbrett künden noch ihnen. Im Juli sollen die alten Häuser dann endgültig abgerissen werden, um Neuen Platz zu machen, die den heutigen Standards in Sachen Größe, Energieverbrauch und Komfort entsprechen. Bis es aber soweit ist, hat eine kleine Gruppe von Künstlern in Wiesenau die Gelegenheit genutzt, das leerstehende Haus Nummer 10 als den idealen Ort zur Umsetzung ihrer kreativen Ideen quasi zu „besetzen“. Und das Beste daran ist: Man muss hinterher noch nicht mal aufräumen. Schließlich wird ja abgerissen. Das künstlerische Konzept für das Projekt ist einfach: Es gibt keins. Keine Absprachen, kein Thema und auch keinen roten Faden. Was nicht heißt, dass sich die Kunstschaffenden im Gespräch untereinander nicht gegenseitig inspiriert hätten. Im Gegenteil. Vom Keller bis zum Dach entstanden ganz unterschiedliche Räume mit unterschiedlichen Inhalten. Unter Einbeziehung nicht nur von Wänden und Decken, sondern auch von alltäglichen Gegenständen. Manches, was die Bewohner hinterlassen haben, wie ein alter Kalender von 2000, ein Heißwasserboiler, Rohre, Bodenbeläge, Tapetenmuster und vieles mehr, wurde von einigen der Künstler in ihre Arbeiten mit einbezogen. Manche offenbaren ihre Bedeutung nach einigem Nachdenken, wieder andere lassen beim Betrachter Assoziationen und Bilder entstehen und schaffen damit Möglichkeiten zur Interpretation. In ihren Installationen, unter anderem auch anhand von Liedertexten, stellte LISA , die bereits als eine der Ersten im Kunsthaus aktiv ist, Bezüge zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen her. Zu ihren Themen Wohnraumknappheit, Umweltverschmutzung und dem Wunsch nach einem friedlichen Miteinander ohne Kriege ließ sie sich in ihren Arbeiten vom Zustand des Hauses und darin vorgefundenen Gegenständen, aber auch von anderen Künstlern inspirieren. Die Zeit drängt, nicht nur im Hinblick auf den bevorstehenden Abriss. So findet sich neben einer Flaschenpost auch noch das Morsezeichen für SOS - Save our Souls. Dennoch: „Das Haus lebt und hat durch die Kunst eine beachtliche Dynamik erfahren“, sagt sie. Für die Besucher des Hauses hat sie eine Wand vorbereitet, die allein deren Gedanken und Wünschen vorbehalten ist. Eine Möglichkeit zur Kommunikation, die viele auch schon genutzt haben. Hendrik Fuge schrieb über zwei Wände eines Raumes hinweg die Fibonacci-Folge bis zur 69. Stelle. Wer auch noch die Siebzigste lesen will, muss sich dazu allerdings mit einer Taschenlampe bewaffnet auf den Boden legen und durch ein Loch in der Wand schauen. Eine andere Installation von ihm lenkt den Betrachter bewusst auf eine falsche Fährte. Eine rote Spur führt von einem – blutigen? - Holzklotz mit Beil bis auf den Dachboden zu einem vermeintlichen Tatort, der sich natürlich nicht als ein blutverschmierter Ort des Todes entpuppt, sondern hier ist nur des Künstlers rhetorische Frage zu sehen: „Ich habe nur ein bisschen mit Farbe gespielt.Was dachten Sie denn?“. Manche dachten an Haarmann. Fotos im Treppenhaus dokumentieren die Kunstprojekte in den einzelnen, schon ziemlich verwohnten Räumen, andere zeigen das Wiesenau früherer Tage, wozu ein alter Heißwasserboiler an der Wand irgendwie zu passen scheint. Nebenan sind beklemmende Bilder eines Fotografen aus Syrien zu sehen, die seine vom Krieg zerstörte Stadt Aleppo zeigen und die Menschen, die das Elend dort ertragen müssen. Wer die Kunst im Abrisshaus noch sehen will, sollte sich sputen. Gelegenheiten dazu gibt es am Freitag, 3. Juni, von 14 bis 15.3o Uhr sowie Freitag, 10. Juni, von 16 bis 19 Uhr und Dienstag,14. Juni, von 15 bis 16 Uhr. Oder nach Absprache mit Claudia Koch im Quartierstreff unter der Telefonnummer (0511) 8 60 42 16.