Leserbrief

Armut macht keine Gesetze

Zum Bericht "Einem Leben in Armut fehlt die Farbe“ in der ECHO-Ausgabe vom 11. November, Seite 4, erhielt die Redaktion folgenden Leserbrief: "Der Armut fehlt nicht nur die Farbe, sondern die Einsicht. Armut wird erlitten. Dieses Leid kommt von Mitmenschen. Fotos erhellen die subjektive Situation, der Taschenrechner mit nüchterner Objektivität gibt Auskunft über volkswirtschaftliche Hintergründe. Das reiche Deutschland nennt zwölf Billionen Euro sein Eigen, bekannt als Brutto-Anlage-Vermögen. Dafür verlangen die Eigentümer Rendite, durchschnittlich 6,3 Prozent pro Jahr oder 760 Milliarden Euro, das sind 40 Prozent des Volkseinkommens für Mieten, Zinsen, Pacht und Dividende. Kapitaldienst aber leistet der Kunde – angeblich König als Verbraucher. Eintausend Euro Netto bedeuten für den Lebensunterhalt jedes Bürgers 400 Euro Kapitaldienst und 120 Euro Verbrauchssteuer über die Ladenkasse. Demnach hat jeder Netto-Empfänger, auch Rentner, mehr als 50 Prozent Abgaben, einkassiert über Endverbraucher-Preise. Kapitalertrag ist nicht sozialpflichtig und damit ein zunehmender Aderlass. Mit der Steuer in ihren Preisen subventionieren sich die Rentner selbst, denn die Hälfte aller Steuereinnahmen des Staates geht an Rente und Krankenkasse der sozial Berechtigten, ein monetärer Kurzschluss. Der Bürger durchschaut das System nicht. Hat jemand Geld bekommen ohne Arbeit, dann haben andere gearbeitet, ohne ihr Geld bekommen zu haben. Dieser Grundsatz des Geldes gilt für alle Sozialabgaben, auch solche an die Reichen. Schließlich ist Reichtum genauso ein sozialer Status wie Armut. Beide bedingen sich gegenseitig. Armut aber macht keine Gesetze. Wächst Kapitalertrag schneller als die Volkswirtschaft, dann verarmt die Bevölkerung trotz Arbeit. `Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen` (Art. 14,2 Grundgesetz). Zugleich heißt gleich bei Steuer- und Sozialpflicht ohne Privilegien. Davon sind wir meilenweit entfernt. Altersarmut droht. Man kann die Quelle der Armut genauso sichtbar machen wie die Armut selbst."
Dieter Petschow, Godshorn