Mechthild Bach nimmt sich das Leben

Sah keine Perspektive mehr für sich: Mechthild Bach.Archivfoto: R. Dröse

Anwalt sieht „ihr Gehen nicht als Schuldeingeständnis“

Langenhagen (ok). Es scheint keinen Ausweg mehr für sie gegeben zu haben. Mechthild Bach, die in Langenhagen als niedergelassene Internistin und als Belegärztin an der Paracelsusklinik praktizierte, hat sich nach Auskunft der Staatsanwaltschaft Hildesheim vermutlich mit Medikamenten das Leben genommen. Ihre Leiche fand ein Freund am Montagnachmittag in ihrem Haus in Bad Salzdetfurth (Landkreis Hildesheim). Einen Abschiedsbrief soll es nicht gegeben haben, lediglich ein paar E-Mails an gute Freunde. Die Medizinerin war wegen Totschlags in 13 Fällen vor dem Landgericht Hannover angeklagt, zuletzt stand sogar der Vorwurf des Mordes in zwei Fällen im Raum. Bach soll Krebspatienten zu hohe Schmerzmittel-Dosen verabreicht haben. Die 61-Jährige hat im Verlauf des Prozesses immer wieder ihre Unschuld beteuert, dabei betont, dass ihre Behandlung der Schmerzlinderung und Schmerzbegleitung gedient habe, jeder Mensch das Recht habe, „seinen Tod in Würde und angstfrei zu erleben“ . Das Gericht ist offensichtlich zu einer anderen Auffassung gelangt; aus seiner Sicht haben sich keine Anhaltspunkte ergeben, dass die Patienten sterben wollten. Zwei schwer Kranke seien bei der Gabe der Medikamente sogar bei vollem Bewusstsein gewesen und nicht von Bach informiert worden. Deshalb komme bei diesen beiden auch der Aspekt der Heimtücke und der Vorwurf des Mordes ins Spiel. Eine Einschätzung, die Bach offensichtlich jede Lebensperspektive genommen hat. Nach Aussage ihres Anwalts Matthias Waldraff hat die Internistin die „überraschende Erklärung“ des Gerichts in wesentlichen Punkten „als brutal“ empfunden. Bei einer Verurteilung – es waren bereits bis 2012 Gerichtstermine anberaumt – hätte der Spezialistin für Krebserkrankungen eine lebenslange Freiheitsstrafe gedroht. Für ihren Verteidiger Matthias Waldraff ist „ihr Gehen kein Schuldeingeständnis“.
Die Medizinerin war nach eigener Aussage mit „Leib und Seele“ Ärztin und nach ihrem Berufsverbot als Beraterin für Gesundheitsprävention tätig. Bei ihren Patientinnen und Patienten genoss Mechthild durchweg hohes Ansehen, war für die Kranken Tag und Nacht ansprechbar. Seit 15 Jahren bei Mechthild Bach in Behandlung ist der Langenhagener Musikdirektor Ernst Müller, der über den Freitod der Ärztin sehr geschockt ist. Noch am Sonntag sei sie bei ihm gewesen, um etwas abzugeben. Er habe sie leider verpasst. Ernst Müller: „Wir haben eine großartige Ärztin und eine liebenswerte und treue Freundin verloren.“ Eine ihrer langjährigsten Patientinnen ist die Langenhagenerin Helga Dierking, die den ganzen Abend geweint hat, nachdem sie die Nachricht vom Selbstmord der Ärztin erreicht hatte. Und auch am Morgen danach versagt Helga Dierking – wie Müller in einem Patientenverein für Mechthild Bach engagiert – am Telefon im Gespräch mit dem ECHO fast die Stimme. „Es ist ein ganz großes Unrecht, was man dieser Frau angetan hat; das kann kein Mensch aushalten“, so die Einschätzung von Helga Dierking. Den Schritt der Medizinerin könne sie nachvollzuziehen, ihrer Meinung nach hätte das Gericht Mechthild Bach zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.Die Meinungen im größten deutschen Mediziner-Prozess aller Zeiten waren allerdings geteilt – an allen Prozesstagen hatte es Demonstrationen für einen Freispruch der Ärztin gegeben; Kritiker beschrieben das Verhalten Mechthild Bachs aber auch als „selbstherrlich“.
Das Verfahren hatte sich über fast acht Jahre hingezogen; der Prozess musste wegen der Erkrankung eines Richters ein zweites Mal aufgerollt werden. Eine Routinekontrolle der Krankenakten an der Paracelsusklinik, die sich schon seit langem die Zusammenarbeit mit Mechthild Bach beendet hatte, hat die Lawine losgetreten, darin wurden ungewöhnlich hohe Morphiumgaben entdeckt. Nun ist es Mechthild Bach, die ihre eigene Akte für immer geschlossen hat.