„Mehr Hungrige, weniger Nahrungsmittel“

Ingrid Geißler (von links) und Christian Schulz haben ständigen Kontakt zum Tafel-Vorstand mit Ursel Cieslik, Jutta Holtmann und Frauke Brüning; Arne Rodewald (rechts) unterstützt den Fuhrpark. (Foto: G. Gosewisch)

Organisation der Tafel steht von neuen Herausforderungen

Langenhagen (gg). Auf grundsätzlich neue Rahmenbedingungen muss die Tafel im neuen Jahr ausgerichtet werden. Zwar bleibt das Konzept der Verteilung von gespendeten Überhang-Nahrungsmitteln an bedürftige Menschen unverändert erhalten, doch die Spendenbereitschaft der Supermärkte und damit die Menge der zu verteilenden Nahrungsmittel sinkt. Gleichzeitig steigt die Zahl der Menschen, die sich als Abholer bei der Tafel melden.
Hintergrund ist der Flüchtlingszuzug. Jutta Holtmann, Vorsitzende des Vereins Tafel, hat die Zahlen im Blick: „Knapp 700 Haushalte werden derzeit beliefert, Tendenz steigend. Vor einem Jahr waren es 500 Haushalte.“ 17 Ausgabestellen werden in Langenhagen von den Tafel-Transportfahrzeugen beliefert, zudem eine Ausgabestelle in Bissendorf und eine in Altwarmbüchen. 70 ehrenamtliche Mitarbeiter insgesamt sorgen dafür, dass der Ablauf klappt. Fahrer sammeln die Nahrungsmittel-Spenden an den Supermärkten ein, fahren diese zur Tafel-Zentrale am Sonnenweg, wo von 7 bis 14 Uhr sortiert wird. Tüten werden gepackt, für jeden Haushalt soll eine Waren-Vielfalt zur Verfügung stehen. Üblicherweise sind Brot, Milchprodukte, Obst, Wurst und Käse in der Tüte zu finden, derzeit kann sogar ein Schokoladen-Weihnachtsmann dabei sein, denn die sind im Handel nicht mehr zu vermarkten. „Bei der Ausgabe sind die Tüten heiß begehrt, die Menschen warten schon auf ihre Gratis-Wochenration. Es kommt vor, dass unter den Menschen, die an der Abholstation Schlange stehen, Unmut aufkommt“, erklärt Frauke Brüning, Schatzmeisterin bei der Tafel. So sei die Enttäuschung groß, wenn weniger als üblich in den Tüten ist. „Jetzt kriegen wir weniger, weil die da sind“, sei ein typischer Frustsatz. Das klingt nach Abgrenzung, doch Frauke Brüning berichtet auch von Hilfsbereitschaft unter den Abholern: „Wir haben Ausschau gehalten nach Vermittlern, die übersetzen können. Das ist wichtig, weil Flüchtlinge, die noch kein Deutsch verstehen, vieles aus Unkenntnis ablehnen.“ Zügig angepasst haben die Tafel-Organisatoren die Auswahl der Nahrungsmittel an kulturelle Gegebenheiten. Jutta Holtmann erklärt: „In den Tüten, die für Moslems bestimmt sind, ist keine Wurst enthalten, denn Schweinefleisch ist für Menschen diesen Glaubens Tabu und würde sowieso nur weggeschmissen werden.“ Kritik habe sie schon einstecken müssen, als Beobachtern aufgefallen war, dass die Tüten für Moslems mit dem Buchstaben M markiert waren – das sei stigmatisierend. „Wir wollten einfach und praktisch mit einem Blick erkennen können, welche Tüte für wen ist und nichts verwechseln. Inzwischen nehmen wir grüne und weiße Tüten“, erklärt die Tafel-Vorsitzende. Die vielfach vorgebrachte Idee, Flüchtlinge bei der Tafel-Arbeit zu integrieren, lehnt sie ab: „Wir haben vor Jahren schon beschlossen, dass die Menschen, die von der Tafel begünstigt werden, nicht zu den Tafel-Helfern gehören, egal ob Flüchtling oder nicht. Das würde zu dem Gerücht führen, dass sich einzelne aus dem Vorrat das Beste aussuchen können.“
So steht für die Tafel-Helfer das Schaffen des Arbeitspensums im Vordergrund. Kostenlose Dienstleistungen der Spedition Schenker sind für die Organisation unerlässlich. So gibt es im Tafel-Netzwerk Nahrungsmittel-Überhänge, die an benachbarte Tafeln über die Grenzen der Kommunen hinweg verteilt werden. Christian Schulz, Leiter der Schenker-Geschäftsstelle Langenhagen, hat die Fortsetzung dieser Unterstützung bereits zugesagt.
Auch Arne Rodewald, Geschäftsführer im gleichnamigen Autohaus, ist Tafel-Unterstützer mit Überzeugung: „Jedes der drei Transportfahrzeuge haben wir zum Selbstkostenpreis an die Tafel abgegeben. Wartung, Reparatur oder ein Ersatzfahrzeug ausleihen – das alles wird ständig kostenfrei von uns geleistet.“ Für den Erwerb des dritten Transportfahrzeugs hat der Förderverein „Inner Wheel Hannoversches Opernhaus“ einen größeren finanziellen Beitrag geleistet. Die Vorsitzende Ingrid Geißler betont: „Den Menschen, die nichts zu essen haben, zu helfen, ist und bleibt nicht nur richtig, sondern ist eine Selbstverständlichkeit.“