Muttertag

Meine Mutter mochte den Muttertag nicht. Das lag auch daran, dass dieser Tag in ihrer Jugend von den Nazis für Propagandazwecke benutzt wurde. Ab 1933 fanden in Deutschland am Sonntag um 10 Uhr sogenannte Mütterweihen parallel zu den christlichen Gottesdiensten statt. Man kann sich vorstellen, in welche Richtung das ging: „Deutsche Mütter sind Heldinnen, die deutsche Söhne großziehen...“ Zumindest im Nachhinein fanden das viele Frauen schlimm.
Meine Mutter meinte außerdem, es wäre nicht angemessen, ihr einmal im Jahr dafür zu danken, was sie als Mutter leistet. Es müsste vielmehr etwas ganz Normales und Alltägliches sein, dass wir als Kinder und Familie dankbar sind und das auch immer wieder zum Ausdruck bringen. Das blieb allerdings auf Seiten von uns Geschwistern ehrlich gesagt eher theoretisch und wurde nur selten in die Tat umgesetzt.
Das dritte, was am Muttertag nervt, ist, dass es vor allem um Kommerz geht: Kauft Blumen! Kauft Pralinen! Kauft Geschenke! Das scheint auf den ersten Blick alles zu sein, wenn man heute über die Rolle von Müttern nachdenkt.
Ganz grundsätzlich stellt sich ohnehin die Frage, ob dieser Tag denn noch in unsere Zeit und Gesellschaft passt. Da gibt es Patchwork-Familien, da gibt es Väter in Elternzeit und es gibt viele Mütter, die in ihrem Beruf vor allem „ihren Mann“ stehen müssen. Frauen auf die Rolle der Mutter zu beschränken ist einfach überholt.
Jeder Mensch hat eine Mutter. Und ich muss nicht Psychologie studiert haben, um zu wissen, dass die Beziehung von Mutter und Kind etwas ganz besonderes ist. Darüber nachzudenken lohnt sich immer – aber einen besonderen Tag brauche ich dafür nicht.
Torsten Kröncke, Pastor