„Nach dem Prinzip Handgranate“

„Manchmal muss man Witze machen, weil alles andere zu sehr weh tut“: Karl Maslo auf der Bühne des Klinikums für Psychiatrie und Psychotherapie. Foto: D. Lange

Karl Maslo spielt ein eindrucksvolles Stück zum Thema Sucht

Langenhagen (dl). „Süchtig! Relativ komischer Stoff“ – mit diesem Einpersonenstück nach einer literarischen und autobiografischen Vorlage des Amerikaners Mark Lundholm tourt derzeit der Berliner Schauspieler Karl Maslo durch Deutschland. Auf Theaterbühnen, aber auch in Schulen, Gefängnissen und Therapieeinrichtungen wie jetzt im Festsaal des Klinikums für
Psychatrie und Psychotherapie spielt Maslo dieses Stück, um mit schauspielerischen Mitteln und mit schonungsloser Offenheit anstatt mit erhobenem Zeigefinger über die tödlichen Gefahren der Sucht aufzuklären.
Autor Mark Lundholm arbeitet mit diesem Text sein Leben als Alkohol- und Drogensüchtiger auf, das ihn bis ganz nach unten, bis an den Rand des Todes führte. Erst die Geburt seiner Tochter hält ihn davon ab, Selbstmord zu begehen. Seine Sucht führte zu einer allmählichen Zerstörung von Körper und Geist, dem vollständigen Verlust von Selbstachtung, sozialen Strukturen und familiären Bindungen: „Nach dem Prinzip Handgranate leiden die, die einem am nächsten stehen, und das ist meist die Familie, immer als erstes“. Am Ende „ekelt man sich vor sich selbst, zerschlägt jeden Spiegel und ist sogar neidisch auf die Toten, denn die haben’s hinter sich“.
Mit viel Glück und mehreren Therapien überlebte Lundholm und schaffte es, clean zu werden. Sucht ist für ihn wie eine rasende Fahrt auf der Autobahn der Abhängigkeit, bergab und ohne Bremsen – davon handelt das Stück und auch das Leben des Schauspielers Karl Maslo, der aufgrund seiner eigenen „Suchtkarriere“ einen ganz persönlichen Zugang zu dem Thema hat. Maslo stand nach seinem Schauspieldiplom an der Berliner Hochschule der Künste auf den großen Theaterbühnen in Deutschland wie dem Thalia-Theater Hamburg oder dem Schillertheater in Berlin und spielte in Fernseh- und Kinofilmen unter Regisseuren wie Claude Chabrol und Dominik Graf. Erst die Alkoholabhängigkeit und später die Drogen beendeten seine Schauspielerkarriere. Zuerst passte es zum Image, „denn alle großen Künstler trinken oder nehmen Drogen“, dann war es nur noch Sucht. Da kommt dann die Angst vor dem Suff und der Suff, um die Angst zu vergessen – ein Teufelskreis.
„Man kann definitiv nicht schon morgens um 10 Uhr betrunken und lallend zur Theaterprobe erscheinen“, machte Regisseur Dieter Wedel Karl Maslo unmissverständlich klar. 1980 kam dann der erste Entzug, darauf gleich der erste Rückfall, wieder Drogen und weitere Entgiftungskuren und Therapien. Zwischendurch Geldbeschaffung durch Trickbetrügereien, begünstigt durch die Schauspielausbildung. Maslo verlor nicht nur seine Arbeit, sondern auch die Menschen, denen er nahe stand und obendrein sein ganzes Vermögen: „Ich habe gut verdient und doch alles verspielt.“
Seit fast sieben Jahren ist Maslo jetzt clean und der ideale Darsteller für das Stück; er fesselt das Publikum, darunter viele Betroffene und Therapeuten, mit beklemmender Authentizität. Sein gallebitterer Humor ist gnadenlos zynisch und sein Spiel geradezu schmerzhaft intensiv. Mehr als einmal bleibt einem das Lachen dabei im Halse stecken. Minutenlanger Applaus ist am Ende der verdiente Lohn für den Darsteller.