„Nehmen Sie Ihre Verantwortung ernst“

Lars Koch (Maurizio Micksch) und sein Verteidiger (Philip Leenders) im Gerichtssaal. (Foto: A. Hesse)

Hochaktuell und berührend: Kirche trifft Theater

Langenhagen. „Bitte nehmen Sie Ihre Verantwortung ernst – wir sind ja hier keine Schauspieler. Und, bitte, bleiben Sie in Ihrem Urteil menschlich.“ Schon mit seinen ersten Sätzen stellte der Vorsitzende Richter im Prozess gegen Lars Koch eine dichte, konzentrierte Atmosphäre im Gerichtssaal her. Vor dem Strafgericht verhandelt wurde der Fall des jungen Kampfpiloten Lars Koch, der eine Lufthansa-Maschine mit 164 Menschen an Bord abgeschossen hatte, um 70.000 Menschen in einem Münchener Sportstadion vor dem Angriff eines Terroristen zu schützen.
Tatsächlich steckten in den schwarzen Roben von Richter, Staatsanwältin und Verteidiger Schauspieler des Ensembles des Celler Schlosstheaters – der Kirchenkreis Burgwedel-Langenhagen hatte sie eingeladen, das Stück „Terror“ des Autors Ferdinand von Schirach in der Aula des Schulzentrums Langenhagen auf die Bühne zu bringen. Das Veranstaltungsformat „Kirche trifft…“ gab den Rahmen für die Aufführung: eine Reihe, mit deren Veranstaltungen der Evangelisch-lutherische Kirchenkreis die intensive Begegnung mit nichtkirchlichen Akteuren sucht. Mit „Terror“ wurde das übliche Format erweitert und einem größeren Kreis von Interessierten zugänglich gemacht: 140 Theaterbesucherinnen und -besucher verfolgten das Theaterstück, in das sie selbst als Richterinnen und Richter eingebunden wurden, gebannt und berührt.
„Die Passagiere des Lufthansa-Fluges sind zum Teil einer Waffe des Terroristen geworden und gegen eine solche Waffe muss ich kämpfen“, erklärte der angeklagte Lars Koch (gespielt von Maurizio Micksch) seine Beweggründe, sich dem Befehl seiner Vorgesetzten zu widersetzen und die entführte Maschine abzuschießen. „Es kann gefährlich sein zu leugnen, dass es Situationen gibt, in denen es gerechtfertigt ist, Menschen zu töten“, führte sein Verteidiger (Philip Leenders) aus – das Bundesverfassungsgericht habe mit seinem grundsätzlichen Verbot des Abschusses entführter Passagiermaschinen einen Fehler gemacht. „Terroristen werden in Zukunft immer wieder Unschuldige als Waffe benutzen.“
„Sie haben sich ein gottähnliches Verhalten angemaßt“, warf die Staatsanwältin (Tanja Kübler) dem Angeklagten vor. „Das Bundesverfassungsgericht hat eindeutig klargestellt, dass Leben niemals gegen Leben aufgewogen werden darf.“ Gewissen, Moral und Rechtsbegriffe wie das „Naturrecht“ seien schwankend, die Gesellschaft sei daher dringend auf eine stärkere Richtschnur, die Verfassung, angewiesen. Und: „Sie haben 164 Menschen nicht als Menschen behandelt, sondern zu Objekten gemacht.“
Unter die Haut ging auch der Auftritt der Nebenklägerin (Verena Saake), deren Mann in dem Lufthansa-Flugzeug gesessen hatte: „Er ist nicht ‚zu Tode gekommen‘, Sie haben ihn getötet“, konfrontierte sie den Angeklagten mit seiner persönlichen Schuld. Das Publikum im Saal, dem nach einer Pause und der Möglichkeit zur Diskussion die Aufgabe zukam, zu urteilen, entschied klar auf „nicht schuldig“. Gerichtsdiener sammelten von jedem, der für „schuldig“ plädierte, eine Tonscherbe ein; das Auswiegen der Scherben erbrachte schließlich den Richterspruch. Der vorsitzende Richter (Ulrich Gall) sprach die Urteilsbegründung: Lars Koch habe abgewogen und „das kleinere Übel“ gewählt – nach vielfach bestätigter Rechtsauffassung sei diese Wahl nicht strafbar.
Eine Argumentationsstrang, den die Staatsanwältin beim Verhör eines Zeugen (Jürgen Kaczmarek) ins Spiel brachte, beschäftigte die Zuschauer in besonderer Weise: Warum, so die Frage der Staatsanwältin, wurde das Münchener Stadion nicht geräumt? Zwischen dem Beginn der Entführung und dem Abschuss lagen genau 52 Minuten – Zeit genug, die bedrohten 70.000 Menschen in Sicherheit zu bringen. Lag es daran, dass der Krisenstab keine andere Option als eine militärische in den Blick nahm?
Langer Applaus belohnte die großartige Leistung des Ensembles aus Celle (Regie: Eberhard Köhler) und das Engagement des Kirchenkreises als Veranstalter. Er konnte sein Versprechen, sich mit den grundlegenden Fragen nach Verantwortung, Schuld und dem Wert jedes Lebens auseinanderzusetzen, einlösen. Ein großer Dank ging an diejenigen, die „Kirche trifft Theater“ ermöglicht hatten: die Klosterkammer Hannover und den Wirtschaftsklub, die die Finanzierung großzügig