Orthopädie statt Gynäkologie

Bald keine Geburten mehr an der Paracelsus-Klinik

Langenhagen (gg). Den Geburtsort Langenhagen als Passeintrag wird es in Zukunft kaum noch geben. Die Paracelsus-Klinik, die vor 50 Jahren mit dem Schwerpunkt Geburtshilfe aufgebaut worden ist, schließt nun genau diese Abteilung mit Wirkung zum 30. Juni 2013. Die im Belegarztsystem mit der Praxis Wolfgang Brörken geführte Abteilung hat keine wirtschaftliche Basis mehr. Das liegt nicht an mangelnder Auslastung, die bei rund 750 Geburten im Jahr liegt, sondern an einer Unterfinanzierung des Honorars durch die Kassenärztliche Vereinigung (KV). Sie zahlt dem Belegarzt pro Geburt einen Vergütungsbetrag. „Der ist sogar gestiegen, aber fängt die Kosten bei weitem nicht auf“, erklärt Brörken mit großem Bedauern zur Entwicklung. Der entscheidende Posten ist die Prämie der Haftpflichtversicherung: 190.000 Euro muss Brörken für das laufende Jahr zahlen. „Das ist ruinös bei einem Honorar von 236 Euro pro Geburt. Im Jahr 2010 lag die Prämie bei rund 45.000 Euro, im Jahr 2011 bei knapp 90.000 Euro, nun dieser Betrag – wo soll das hinführen.“ Bekannt sei, so die Auskunft des Geburtshelfers, dass Regressansprüche allgemein dieses Explodieren der Versicherungsprämien verursachen: immer mehr Patienten bundesweit klagen gerichtlich bei medizinischen Komplikationen und bekommen immer höhere Entschädigungen zugesprochen. Mit den anerkannt sehr guten Leistungen der Geburtshilfe in der Paracelsus-Klinik hat das nichts zu tun.
Brörken wird weiterhin an der Paracelsus-Klinik Langenhagen gynäkologisch tätig sein, nur nicht mehr in der Geburtshilfe. „Gerne hätte die Klinikleitung eine finanzielle Lösung gefunden, aber diese Entwicklung ist nicht aufzufangen“, so die Stellungnahme des Regionaldirektors der Paracelsus-Kliniken Josef Jürgens im Pressegespräch. Alternativen seien bedacht worden, auch die Geburtshilfe zu einer Hauptabteilung zu machen, um von dem Honorarsystem der KV wegzukommen. „Doch da müssten wir uns dem Leistungspaket der großen Perinatalzentren in Hannover stellen. Um in solchen Strukturen wirtschaftlich zu sein, bräuchten wir weit mehr als tausend Geburten pro Jahr“, so seine Auskunft.
Neben den drei Gynäkologen in der Gemeinschaftspraxis Brörken werden 16 Hebammen und 21 Krankenpflegekräfte (vorwiegend Teilzeitkräfte) nicht mehr in der Geburtshilfe an der Paracelsus-Klinik tätig sein. „Nicht zu vergessen ist, dass auch die jahrelange gute Zusammenarbeit mit Anästhesisten und Kinderärzten damit beendet wird“, ergänzt Brörken. Jürgens dazu: „Für die Krankenpflegekräfte gibt es hausintern gewisse Möglichkeiten zum Wechsel in die Orthopädie, die nun größer aufgebaut wird. Die Hebammen sind komplett auf sich allein gestellt.“
„Die erste Reaktion der Pflegekraftmitarbeiter bei der Bekanntgabe der Schließung der Geburtshilfe reicht von Verärgerung bis zu Verständnis. Den vielen Fragen, wie es im Einzelfall weitergeht, muss man sich nun stellen. Wir wollen so viel Unterstützung geben, wie irgendwie möglich“, sagt Pflegedienstleiter Nils Dettmann direkt im Anschluss an die Sonderbetriebsversammlung im Gespräch mit dem ECHO. „Es gibt einen Sicherstellungsauftrag zur geburtshilflichen Leistung, der bis zum 30. Juni 2013 gewährleistet werden muss. Das heißt, dass nicht jeder, der eventuell möchte, vorzeitig aus seinem Vertrag entlassen werden kann.“