Prädikat: besonders wunderbar

Wissen Sie eigentlich, dass Sie ein ganz wunderbarer Mensch sind? Vielleicht stutzen Sie jetzt und denken: Damit kann ich ja kaum gemeint sein. Sie kennen mich doch gar nicht! Ich bin oft gereizt oder gestresst. Ich schaffe selten alles, was ich mir vornehme. Ich bin ungeduldig, manchmal genervt und mit vielem an mir nicht zufrieden. Jemand, der mich wirklich kennt, käme bestimmt nicht auf die Idee, mich wunderbar zu nennen. Wir alle kennen Selbstzweifel, Kritik und Abwertungen zur Genüge. Und wir denken solche Gedanken nicht nur über uns selbst, sondern auch über andere Menschen und die Welt, die uns umgibt. Alles andere als wunderbar.
Aber unsere jüdisch-christliche Tradition mutet uns auch andere Gedanken zu: wunderbar gemacht sollen wir sein. Auf wunderbare Weise wirken in unserem Körper Millionen von Zellen zusammen. Jede weiß genau, was sie zu tun hat. Unsere Sinne sind in der Lage, in jeder Minute tausende Eindrücke wahrzunehmen. Wir können uns für etwas begeistern und unserer Freude Ausdruck verleihen. Wir können uns mit anderen Menschen, Dingen und Ideen verbinden und über uns hinauswachsen. Wir können eine Sehnsucht nach etwas ganz anderem empfinden und dieser Sehnsucht nachgehen. Wir haben die Fähigkeit, die Welt um uns herum zu gestalten und in ihr eine Spur zu hinterlassen. Wir dürfen uns jeden Tag neu entscheiden, wie wir unser Leben leben wollen. Das ist Gottes Idee über jeden einzelnen Menschen: „Du bist so wunderbar und so unendlich wertvoll, dass dieser Welt etwas ganz Entscheidendes fehlen würde, wenn Du nicht da wärst!“
Glauben wir das? Und leben wir auch so? Wie würde unser Zusammenleben aussehen, wenn wir über uns und die Menschen, denen wir täglich begegnen so denken würden? Dass wir wunderbar sind, voller Möglichkeiten und Fähigkeiten, voller Ideen und Tatendrang, voller Geheimnisse, die es zu entdecken lohnt und voller Sehnsucht nach einem guten Leben. Dann müssten wir uns und den anderen nicht mehr beweisen, dass wir besser sind. Dann müssten wir nicht mehr unseren eigenen Wert steigern, indem wir andere abwerten und verurteilen. Dann könnten wir uns gegenseitig helfen, all das Wunderbare zur Geltung zu bringen, das in uns steckt. Und wir könnten ohne Angst das Leben feiern. Wäre das nicht wunderbar?

Dorothee Beckermann, Diakonin