Quergedacht

Klassentreffen – eine Nachdenkgeschichte

"Fünfundzwanzig Jahre nach dem Abitur war es endlich so weit: Es war gelungen, ein Klassentreffen zu organisieren. Fast alle schafften es, zu kommen – und waren sehr, sehr neugierig. Was wohl aus wem geworden war? Graue Haare und Brillen und manche Falten machten es zunächst schwierig, sich wieder zu erkennen.
Marianne zum Beispiel. Die trat so selbstbewusst auf. Dabei hatte man ihr in der Schule wegen ihrer Schüchternheit immer helfen müssen – und auch während der Abiturprüfung waren hilfreiche Zettel nötig gewesen. Jetzt war sie Journalistin in Paris – aber in der Schule hatte sie in Französisch meistens eine 5 geschrieben. Dass Karl ein gefragter Wissenschafter geworden war und in den USA lebte, das hatte man eher vermuten können. Doris hatte es tatsächlich geschafft und Medizin studiert. Das war ihr Traumberuf gewesen. Dafür hatte sie in den letzten Schuljahren wie eine verrückte gepaukt, um ja den Numerus Klausus zu schaffen. Jetzt war sie Oberärztin – aber sie sah schrecklich müde aus.
Man redete munter durcheinander und es dauerte eine Weile, bis es Annette auffiel, dass Achim nur still dabei saß. „Und nun wollen wir hören, was aus dir geworden ist – du warst schließlich unser Mathe-Genie!“ Achim winkte nur lächelnd ab und sagte ernst: „Ich bin Schuhmacher geworden.“ Jetzt sahen ihn alle an. Das konnte doch nicht wahr sein! „Komm, erzähl!“ sagte Annette drängend.
„Es gibt nicht viel zu erzählen. Ich hatte gerade mit dem Mathestudium angefangen, da wurde mein Vater schwer krank. Das Geld wurde knapp – und für meine beiden kleinen Geschwister war es besser, wenn ich das Geschäft weiter führte. Also habe ich schnell eine Lehre gemacht und das Schuhgeschäft übernommen. Nach dem Tod meines Vaters habe ich das Geschäft erweitert. Wir sind jetzt bekannt für unsere orthopädischen Schuhe. Es läuft ganz gut – und es hat immer gereicht für alles, war in der Familie nötig war. Inzwischen ist meine Mutter ein Pflegefall geworden. Da Wohnung und Geschäft im gleichen Haus legen, kann ich mich um sie kümmern und sie musste nicht in ein Heim. Ihr seht – ich kann keine großartigen Leistungen aufweisen.“
Jetzt war es ganz still. Alle fragten sich ganz automatisch fragen, was wirklich wichtig ist im Leben. Was ist wirklich eine große Leistung?
Da sagte Annette: „Achim, du warst immer der Baste – und du bist das auch heute noch. Wir wissen doch alle, dass sich die Größe eines Menschen nicht am Einkommen oder am der Berühmtheit fest macht. Nein, das Maßband wird bei einem Menschen um das Herz gelegt.
Die Idee zu dieser Geschichte habe ich von einer Verfasserin mit dem Namen Ursula Berg. Die Idee hinter der Geschichte aber stammt aus den Entdeckungen der Reformation: Wichtig ist es, das Gute und das Richtige zu tun. Es geht im Leben um das christliche Verhalten im Alltag – vor allem anderen."
Marieta Blumenau, Pastorin Emmausgemeinde