Quergedacht

Den kenne ich

Vor einiger Zeit berichtete mir eine Freundin, dass sie mit einer Gruppe einen Ausflug in eine alte Dorfschule gemacht habe. Gleich am Eingang, so sagte sie, seien auf einer Fotowand junge Männer abgebildet gewesen. Offenbar sind sie dort früher einmal zur Schule gegangen und sie erzählte, dass die meisten von ihnen voller Tatendrang mit ihren Augen in die Welt blickten. Was das Bild allerdings getrübt habe, seien die schwarzen Kreuze gewesen, die hinter manche Gesichter gemalt waren. Bei anderen hätte nur das kleine Wort Vermisst gestanden. Und dann sagte sie: „Und weißt du was? Als ich genau hinsah, da bemerkte ich, den einen kenne ich doch. Es war mein Opa!“
Ein vertrautes Gesicht, ein Mensch, zu dem ihr Geschichten einfielen. Geschichten von damals und heute. Denn hinter seinem Gesicht war zum Glück kein Kreuz und auch kein Vermisst zu sehen. Aber unweigerlich musste ich an meine eigenen Großväter denken. Einen von ihnen habe ich nie kennenlernen dürfen. Er liegt vermutlich - wenn überhaupt - in einem der vielen namenlosen Gräber der Krieggräberstätten des Zweiten Weltkrieges.
In diesen Tagen im November erinnern wir uns an Menschen, die in den beiden Weltkriegen große Not erlebten, vielfach starben, aber auch vermisst und verschollen sind. Wir erinnern uns an Menschen aus unseren Familien, an das Schreckliche, das in unserem Land geschehen ist. Wir erinnern uns an den Onkel, seine Schwester, den Opa, den Bruder.
Die Erinnerung hat ein Gesicht. Es ist einfacher zu erkennen, was Leid bedeutet, wenn es ein Gesicht hat und die Menschen, die damals und heute an den Folgen von Kriegen und Vertreibungen leiden, keine Unbekannten bleiben.

Isabell Schulz-Grave, Pastorin der Emmausgemeinde