Quergedacht

Die moderne Krippen-Szene ist in der Karlsruher Stadtpfarrkirche aufgebaut.

Weihnachten – Gott ganz nahe

Vergangenen Montag war ich neben dem Karlsruher Christkindlmarkt auch in der danebenliegenden katholischen Stadtpfarrkirche. Dort stieß ich auf eine ungewöhnliche adventliche Krippe. Da in Karlsruhe zur Zeit eine U-Bahn gebaut wird und große Teile der Innenstadt einer Baustelle gleichen, verwunderte es auch nicht, dass diese adventliche Krippe einer Baustelle gleicht. Vor der Tür dieses Bauobjektes ist eine junge schwangere Frau, ein Esel und ein Bauarbeiter in entsprechender Kleidung zu sehen. Über dem Ganzen sind die Worte: „Weihnachten – Gott ganz nahe“ zu lesen. Links hinter einer Absperrung steht ein Fass und ein Schild „Einbahnstraße. Neben einem Müllcontainer sind drei Personen zu erkennen, zwei Erwachsene, ein Kind, offensichtlich Flüchtlinge oder Asylanten, die zum Teil auf die Gruppe in der Mitte schauen. Rechts ist vor einem Baucontainer ein westlich wirkender junger Mann mit Designe-Kleidung zu sehen. Aus dem Container-Fenster schaut der Kopf des Ochsen. Unter dem Fenster stehen die Worte: „Gier frisst Hirn“ und an die geöffnete Tür des Containers hat jemand auf die aufgeklappte Türinnenseite geschrieben: „Ich war fremd und ihr habt mich…“
Neben dieser Krippe lag ein Buch mit der Bitte, die Gedanken zur Krippe aufzuschreiben. Als letzter Eintrag war dort vor wenigen Minuten geschrieben worden: „Mir gefällt diese Krippe gar nicht. Sie macht alles kaputt, was ich mit Weihnachten und Tradition verbinde.“ Ich konnte nicht anders und schrieb etwa wie folgt darunter: „Gefühl, stimmungsvolle Musik und Atmosphäre, sowie Tradition sind sicher wichtige Teile des Weihnachtsfestes, wer aber Weihnachten darauf reduziert, hat den Sinn des Weihnachtsfestes nicht verstanden. Diese Darstellung scheint mir, wenn auch ungewohnt, eine zum Nachdenken einladende adventliche Krippe zu sein. Eine Baustelle – etwas im Entstehen. Eine junge Frau in Erwartung. Über den Schriftzug der Hinweis zu Gottes Nähe durch die Geburt im Stall – die Menschwerdung Gottes. Menschsein in dieser Welt hat Konsequenzen und wird uns in
der Aussage deutlich: „Mach es wie Gott, werde Mensch!“ Dann werden wir überlegen, wie wir mit unseren Bedürfnissen umgehen. Dann kann die Absperrung zu den Flücht-lingen und allen Bedürftigen nicht bestehen bleiben. Der zu erwartende Herr kennt keine Grenzen, er kommt zu allen Menschen.

Klaus-Dieter Tischler, Pfarrer der katholische Liebfrauengemeinde