Quergedacht

Träume und Hoffnung

"Träum weiter", habe ich auf einer abgeblätterten Fassade eines alten Hauses gelesen; wahrscheinlich war das sehr kritisch und ein bisschen böse gemeint: Träum nur weiter, Mensch, in deiner grenzenlosen Naivität. In deinem unverbesserlichen Optimismus, die Welt könnte gut werden und die Leute nett. Träum du nur weiter, die Dinge würden gut ausgehen. Das Gegenteil wird der Fall sein. - Nun ja, kann durchaus so stimmen.
In den achtziger Jahren waren es der Kalte Krieg und das Waldsterben. Heute sind es aussichtslose Kriege und wieder erwachende Spannungen, die an den vergangenen kalten Krieg erinnern. Träumt nur weiter, mahnt uns die Schrift an der Wand, das Aufwachen wird eure Träume beenden.
Im Gegensatz zu dem, was der anonyme Sprayer vermutlich hat sagen wollen, gibt es für das Träumen auch eine positive Deutung: Träum weiter, gegen alles rational Berechenbare, denn deine Träume sind das Beste, was du hast. Lass dir deine Hoffnung nicht nehmen, von nichts und niemandem!
Der Apostel Paulus war ein Mensch, der die Dinge nüchtern und zugleich glaubenserfüllt betrachten konnte. Die Welt leidet. Nichts, was lebt, bleibt unberührt davon. So ist es, war es und wird es sein. Und zugleich, konnte er sagen, gibt es allen Grund zur Hoffnung; und Hoffnung lässt nicht zuschanden werden – manchmal gerade gegen alle Vernunft.
Träum weiter – Hoffnung kann das nach Paulus bedeuten. In unseren Träumen kann Gott zu uns sprechen, mit mütterlicher, tröstender Stimme, die uns nicht in den Schlaf, sondern in das Wachsein singt.
Weil das so ist, stimmt der oft so gut gemeinte Satz kein bisschen, wonach die "Hoffnung zuletzt stirbt". Die Hoffnung stirbt nie.
Dorothee Renner-Venz, Pastorin in der Matthias-Claudius-Gemeinde