Religion und Integration

Professor Christian Pfeiffer referierte in der Elisabethkirche über die Voraussetzungen von Integration. Foto: D. Lange

Vortrag von Christian Pfeiffer in der Elisabethkirche

Langenhagen (dl). Der Kirchenkreis Burgwedel-Langenhagen lud zum Tag der Reformation seine Mitglieder zu einem Empfang in die Elisabethkirche ein. Musikalisch begleitet wurde der Abend vom Violinensemble der Musikschule Langenhagen. Der Vortrag des Gastredners Professor Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen, zum Thema „Religiosität und abweichendes Verhalten Jugendlicher“ stützte sich auf ein Gutachten, das das Institut mit Fördermitteln des Bundesinnenministeriums in den Jahren 2007/08 bundesweit durchführte. Dazu wurden 45.000 Schülerinnen und Schüler aus neunten Klassen befragt.
Im Kern ging es dabei um zwei Fragen: Wie wirkt sich die Zugehörigkeit zu einer Religion und die persönliche Religiosität auf die Verhaltensweisen von 14- bis 16-jährigen Jugendlichen aus? Und wie wird die Integration jugendlicher Migranten von diesen Faktoren beeinflusst? Ein auf den ersten Blick erstaunliches Ergebnis der Befragung ist die Tatsache, dass in Westdeutschland nur acht Prozent der Jugendlichen keiner Glaubensgemeinschaft angehören, in Ostdeutschland sind es dagegen 76 Prozent.
In der ehemaligen DDR spielte die Kirche in der Gesellschaft im Vergleich mit Westdeutschland bekanntlich nur eine untergeordnete Rolle. Im Westen sind Ereignisse wie Taufe, Hochzeit und Beerdigung, unabhängig vom Grad der eigenen Religiosität, dagegen für die meisten Menschen ohne Kirche nicht denkbar. Christian Pfeiffer spricht in diesem Zusammenhang von der Rolle der Kirche als „Lebensdekoration“.
Deutliche Unterschiede zeigen sich auch in der Einschätzung der persönlichen Religiosität: 30 Prozent aller christlichen Jugendlichen empfinden sich als nicht religiös, bei den jungen Muslimen dagegen sind es nur 5,2 Prozent. Bis zu 45 Prozent der christlichen Jugendlichen stufen sich als religiös oder sehr religiös ein; die Religion spielt in ihrem Leben und in ihrer familiären Erziehung eine wichtige Rolle. Bei den Muslimen liegt diese Quote mit 71 Prozent noch sehr viel höher.
Der Einfluss der Religion auf die Integration junger Migranten zeigt ebenfalls große Unterschiede: Die kleine Gruppe von Migranten ohne Konfessionszugehörigkeit zeigt sich in jeder Hinsicht am besten integriert. Die Zugehörigkeit von Migranten zu einer Glaubensgemeinschaft bewirkt dagegen, dass sie sich weniger für ihre deutsche Umwelt öffnen. Christliche Migranten fühlen sich zu 57 Prozent als Deutsche und 27 Prozent von ihnen streben das Abitur an; muslimische Migranten stufen sich dagegen nur zu 22 Prozent als Deutsche ein und 16 Prozent von ihnen wollen das Abitur machen. Christian Pfeiffer erkennt darin einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Grad der Integration und der Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft, besonders bei den jungen Muslimen.
Bereits die Kindergärten hätten eine Schlüsselrolle um hier anzusetzen, glaubt Christian Pfeiffer: Wenn türkische Kinder bei deutschen Freunden zum Geburtstag eingeladen würden, sei dies bereits ein großer Schritt vorwärts. Pfeiffer nimmt auch die Rolle der Imame in den Moscheen kritisch unter die Lupe; er spricht sich für eine Ausbildung der Imame in Deutschland aus. Nur eine Minderheit der muslimischen Religionslehrer verhalte sich intellektuell-offensiv und vermittle den Jugendlichen ein positives Deutschlandbild; für die Mehrheit der Imame gehöre dagegen nach wie vor die Dominanz der Männer in Familie und Gesellschaft zum selbstverständlichen Lehrinhalt der islamischen Religionserziehung und damit auch die Akzeptanz gewaltlegimitierender Männlichkeitsnormen.