Risikofaktor nächtlicher Fluglärm

Im Kampf gegen nächtlichen Fluglärm ziehen sie an einem Strang: Professor Eberhard Greiser (Zweiter von links) sowie Matthias Gleichmann (von links), Hellmut Pulwer und Holger Zenz von der IG Lärmschutz Südbahn. Foto: D. Lange

Wissenschaftler stärkt Fluglärmgegnern den Rücken

Langenhagen (dl). Rund ein Drittel der deutschen Bevölkerung klagt über Fluglärm; das zeigen repräsentative Umfragen des Umweltbundesamtes. Hochgradig belästigt fühlen sich laut Umfrage fünf Millionen Bürgerinnen und Bürger. Und die Klagen der Bevölkerung seien begründet, stellte jetzt der Epidemiologe Professor Eberhard Greiser in einer Vortragsveranstaltung im Forum fest; dies belege auch die neue Studie des Umweltbundesamtes „Risikofaktor nächtlicher Fluglärm“. Eingeladen zu dem Infoabend, den rund 100 Gäste besuchten, hatte die Interessengemeinschaft Lärmschutz Südbahn.
Für Herz- und Kreislauferkrankungen sei nachgewiesen, dass das Erkrankungsrisiko von Personen, die dauerhaft Fluglärm ausgesetzt sind, im Vergleich zu unbelasteten Personen steige, erklärte Professor Greiser. Eine weitere Studie im Umfeld verschiedener europäischer Flughäfen aus dem Jahr 2008 stelle ebenfalls fluglärmbedingte Gesundheitsrisiken fest. Personen, die verstärkt vom Nachtfluglärm betroffen sind, wiesen häufig höhere Blutdruckwerte auf als Menschen in ruhigeren Wohngebieten, und auch bei psychischen Erkrankungen finde sich ein relevanter Befund: Bei Frauen seien die Erkrankungsrisiken für Depressionen in von Fluglärm belasteten Gebieten signifikant erhöht. Ärzte berichteten zudem von einer Zunahme der Verschreibung von blutdrucksenkenden Arzneimitteln.
Ziel der Studie am Beispiel des Flughafens Köln/Bonn mit hohem Nachtfluganteil war es, den Einfluss von Fluglärm, insbesondere von nächtlichem Fluglärm auf Erkrankungen des Herzens und des Kreislaufs sowie auf psychische Erkrankungen zu ermitteln. Zu diesem Zweck wurden die Daten von Versicherten gesetzlicher Krankenkassen ausgewertet. Die Studie kam unter anderem zu dem Ergebnis, dass es „für Herz- und Kreislauferkrankungen einen linearen Anstieg des Erkrankungsrisikos gibt und zwar bei beiden Geschlechtern von niedrigen Dauerschallpegeln von 40 DB/A an“. Ein startendes Flugzeug erreicht den doppelten Wert.
Zwar soll mit Hilfe eines Fluglärmüberwachungskonzepts rund um den Flughafen Hannover-Langenhagen sichergestellt werden, dass Anwohner keinen Lärmwerten ausgesetzt werden, die als gesundheitsgefährdend anzusehend sind, wie Verkehrsminister Jörg Bode unlängst im Landtag betonte. Dabei wird jedoch nur auf den so genannten passiven Schallschutz gesetzt, also auf Lärmschutzfenster. Nach Ansicht der IG Lärmschutz liegen die gesetzlich zulässigen Schallwerte zu niedrig und sind nicht ausreichend für einen Gesundheitsschutz anzusehen sind. Mit großer Sorge wird auch das derzeit noch in der Planung befindliche World Cargo Center angesehen, das am Flughafen entstehen soll. Die Fraport AG, Betreiberin des Frankfurter Flughafens und Gesellschafterin des Flughafens Hannover-Langenhagen, plant nach Informationen der IG Lärmschutz eine Teilverlagerung des Frachtverkehrs von Frankfurt nach Hannover – und Frachtflug bedeutet nun mal Nachtflug, so die Prognose der besorgten Mitglieder der IG Lärmschutz. Sie prognostizieren eine Zunahme der Flugbewegungen auf bis zu 65 Starts und Landungen täglich.
Professor Eberhard Greiser Plädiert dafür, dass der Schutz vor Fluglärm den gleichen Stellenwert bekommt wie etwa der Nichtraucherschutz. Er empfahl den örtlichen Bürgerinitiativen sich mit Initiativen in anderen Städten wie etwa Köln und Frankfurt zusammenzuschließen, um Erfahrungen auszutauschen und den Protest auf eine breitere Basis zu stellen. Denn neben den Gesundheitsrisiken entstünden durch den Wertverlust von Häusern in Flughafennähe auch erhebliche materielle Schäden.