Schnelle Strafverfolgung gefordert

Brunotte macht Fall eines Kriegsverbrechens zur Anfrage

Langenhagen. Im April sorgte ein Fall in Langenhagen für weltweite Aufmerksamkeit. Es gab neue Beweise gegen den ehemaligen SS-Hauptsturmführer und Polizeihauptmann Erich S., der an der Ermordung von mehr als 30.000 Menschen im Warschauer Ghetto und im Raum Lublin beteiligt gewesen sein soll. Zu einer Verurteilung des mittlerweile 95-jährigen Langenhagener ist es nie gekommen. „Es ist eine Pflicht des Rechtsstaates auch 65 Jahre nach Kriegsende
Kriegsverbrecher und NS-Massenmörder vor ein Gericht zu stellen“, fordert Marco
Brunotte, Landtagsabgeordneter der SPD für Langenhagen. Deshalb hat er den Fall
mit einer Anfrage zum Thema im Landtag gemacht.
In der Vergangenheit sei bereits mehrfach folgenlos gegen den Langenhagener durch verschiedene Staatsanwaltschaften ermittelt worden. Allerdings wurden nicht ausreichend Anhaltspunkte für eine Klage gefunden. „Das ist leider auch eine Frage der personellen Ressourcen bei den Staatsanwaltschaften“, sagt Marco Brunotte, „dass darf jedoch nicht dazu führen, dass heutzutage umfangreiche NS-Kriegsverbrecherprozesse nur in Ausnahmefällen wie zum Beispiel im Fall John Demjanjuk durchgeführt werden.“ Die Niedersächsische Landesregierung müsse eine ausreichende personelle Ausstattung bei der Staatsanwaltschaft Hannover ermöglichen, um die Ermittlungen zeitnah und umfassend führen zu können. Bei Bedarf müssten neben Staatsanwälten auch Historiker hinzugezogen werden. Mit seiner Anfrage wolle er auch einen Einblick in den aktuellen Ermittlungsstand und die Bemühungen der Staatsanwaltschaft Hannover erhalten, betont Marco Brunotte.
„Es darf nicht sein, dass bei der mittlerweile vorliegenden Faktenlage ein vermeintlicher NS-Massenmörder ein weiteres Mal der Strafverfolgung entgehen kann“, sagt Brunotte. Dafür würden zu viele Beweise auf dem Tisch liegen. So trat der Erich S. nach Angaben Brunottes schon 1933 der SS bei. Er meldete sich freiwillig zur Wehrmacht, an die Ostfront, für den Einsatz im Warschauer Ghetto. Bei Befragungen im Jahr 1963 gab er zu Protokoll,
er habe sich für das Warschauer Getto „als Stoßtruppführer zur Ausräucherung
und Einzelliquidierung von Widerstandsnestern freiwillig gemeldet.“ Von Oktober
1942 bis Anfang 1943 war er laut Brunotte Kompaniechef und stellvertretender Kommandeur des 3. Bataillons des SS-Polizeiregiments 22 in Warschau. Seine Einheit hat das Warschauer Getto bewacht. Er habe die elfte Kompanie der Polizeitruppe bei der „Januaraktion“ von 1943 unter seinem Kommando gehabt, bei der mehr als 1.000 Juden erschossen und mehrere tausend zur „Vernichtung“ nach Treblinka abtransportiert worden seien. Später sei der 95-Jährige Chef der 1. Kompanie des berüchtigten Hamburger Polizeibataillons 101 geworden, das im Distrikt Lublin zur Ermordung von Juden eingesetzt war. Bei den Massakern im Raum Lublin wurden damals etwa 30.500 Menschen ermordet. Das Simon-Wiesenthal-Center hat den 95-jährigen Langenhagener nach Angaben Brunottes auf die Liste der meistgesuchten Naziverbrecher weltweit gesetzt, er gehöre endlich vor ein deutsches Gericht. Brunotte werde deshalb am Ball bleiben und sich immer wieder über den aktuellen Stand informieren lassen.