Sterben und Tod mit Kindern entdecken

Hanna Wagner, Vikarin.
“Der Sarg sieht ja aus wie der von Dracula!” ruft ein neunjähriger Junge. Wir sind mit der Kinderkirche beim Bestatter auf Entdeckertour. Zusammen mit sechs Kindern im Alter von neun und zehn Jahren stehen wir in einem Raum voller Särge. Die Vielfalt ist groß: Ein Sarg sieht irgendwie aus wie ein Ufo, ein anderer wie ein Ei. Es gibt große und ganz kleine Särge. Vorsichtig streicht eines der Kinder mit der Hand über die Decke und das Kissen in einem offenen Sarg. Es ist fasziniert: “Die ist so weich! Was befindet sich denn darunter? Kann ich mal gucken?” Die Kinder wirken gelassen. Was manchen Erwachsenen erschauern lässt, weckt in ihnen große Neugier. Sie fassen an, schauen hin, fragen nach: Wie tief ist so ein Grab eigentlich? Wie funktioniert das mit den sich-selbst-auflösenden Urnen für Seebestattungen? In unserer Kultur bleiben das Sterben und der Tod gerne unerwähnt. Ein Bestattungsinstitut ist auch nicht gerade ein beliebtes Ausflugsziel. Aber ein lohnendes allemal. Wir schonen Kinder nicht, indem wir einen großen Bogen um das Thema Tod und Sterben machen. Natürlich, auch sie macht der Anblick eines Kindersarges traurig und nachdenklich. Aber sie wollen verstehen, anschauen, nachfragen. Es verunsichert Kinder wenn wir so ein schreckhaftes Geheimnis um den Tod zu machen. Den Tod ins Leben integrieren, das kann gelingen. Der Blick auf die Natur, die sich gerade auf den Winter vorbereitet, ist eine gute Brücke um mit Kindern und auch mit sich selbst über den Tod als Teil des Lebens ins Gespräch zu kommen. Der Tod ist kein gruseliges Monster, sondern gehört zum Kreislauf des Lebens. Es gibt einige bunte Bilderbücher, die versuchen Kinder behutsam an die Welt des Sterbens und der Trauer heranzuführen. Eines dieser Bücher lesen wir während der Kinderkirche gemeinsam mit den Kindern. In ihm träumt der alte Dachs, dass er durch einen Tunnel läuft. Nur dieses Mal merkt er, dass etwas anders ist als in den Träumen zuvor: Er wirft die Krücken hinter sich, wird leichtfüßig und schnell. Schließlich fliegt er fast durch den Tunnel. Seine Freunde stellen am nächsten Morgen betrübt fest, dass der Dachs in der Nacht gestorben ist. Als wir die Geschichte zu Ende gelesen haben und mit den Kindern darüber sprechen, meldet sich eines der Mädchen und sagt: “Vielleicht führt der Tunnel in den Himmel. Vielleicht hat am Ende des Tunnels der liebe Gott gestanden und gewartet.”