„Was braucht mein Gegenüber?“

Pastor Frank Waterstraat aus dem Landkreis Schaumburg hielt am Donnerstagabend in der Brelinger Kirche einen rhetorisch und inhaltlich brillianten Vortrag zum Thema Notfallseelsorge. Foto: A. Wiese

Pastor Frank Waterstraat referierte vor über 100 Rettern über Notfallseelsorge

Brelingen (awi). Notfallseelsorge ist nicht nur was für Weicheier. Das ging aus dem engagierten Vortrag von Pastor Frank Waterstraat am Donnerstagabend in der Brelinger Kirche deutlich hervor. „Sie setzen bei den Einsätzen Ihre körperliche und seelische Gesundheit aufs Spiel und Sie haben ein Recht auf professionelle Begleitung und Nachsorge“, erklärte Waterstraat den mehr als 100 Zuhörern aus dem Bereich der Feuerwehren, Polizei und Rettungskräften mit entschiedener Bestimmtheit.
Verletzungen der Seele seien nicht zu unterschätzen und „es ist ein Zeichen Ihrer Professionalität, für Ihre seelische Gesundheit genauso vorzusorgen wie für die körperliche“, betonte der Seelsorger. Niemand sei davor gefeit, körperlich oder seelisch verletzt zu werden und habe ein Recht auf Hilfe, die von der Feuerwehrunfallkasse finanziert werde. Zur Vermeidung gebe es zwar einige vorbeugende Möglichkeiten, doch könne man nicht vorhersagen, wann und wodurch jemand doch so betroffen sei, dass er die Situation eben nicht mehr allein meistern könne. Hilfreich sei die Konzentration auf die Frage „Was braucht mein Gegenüber?“, riet Waterstraat. „Analysieren Sie die Stressoren an der Unfallstelle! Wenn Sie wissen, welche Faktoren Ihnen Schwierigkeiten machen, sind Sie schon einen Schritt weiter“, so Waterstraat. Dazu gehörten der Anblick von zerstörtem technischen Gerät wie beispielsweise einem Autowrack ebenso wie die Zerstörung von körperlicher Gesundheit inklusive aller Verletzungen mit entstellendem Charakter, Gesichtsverletzungen oder besonders, wenn Kinder oder junge Menschen betroffen seien. „Sie haben nie alles gesehen“, machte der Seelsorger deutlich. Er warnte davor, die Kraft des ungefilterten ersten Eindrucks zu unterschätzen und appellierte an die Einsatzkräfte, junge Kollegen beziehungsweise Kameraden behutsam an solche extrem belas-tenden Situationen heranzuführen: „Die Jüngeren müssen lernen, mit solchen Bildern umzugehen!“ Daher sei jede unvorbereitete Konfrontation verantwortungslos. Weitere Stressoren seien belastende Geräusche und Gerüche. Extrem belastend für die Retter sei neben Orientierungsproblemen auch, wenn es sich bei den Unfallopfern um Bekannte handele, was den Freiwilligen Feuerwehren auf dem Land oder Polizisten, die in der Region zu Hause seien, in der sie arbeiteten, wesentlich häufiger passiere als der Berufsfeuerwehr in Hannover. Nicht zuletzt müssten sich die Einsatzkräfte in den verschiedensten Situationen auch immer wieder mit der eigenen Angst auseinandersetzen. Nicht zuletzt käme es zu erheblichen Stresssituationen, wenn Rettungskräfte selbst betroffen wären, weil sie in einen Unfall verwickelt oder beim Einsatzgeschehen verletzt wurden. Detailliert ging Waterstraat auch auf posttraumatische Erkrankungen ein, erklärte typische Anzeichen und betonte auch hier wieder: „Sie können jeden treffen!“ Gemeindebrandmeister Michael Hahn bedankte sich bei dem Referenten mit einem Bildband der Wedemark und einem Präsentkorb mit Wurstspezialitäten aus der Region.