Wenn die Pole schmelzen...

Klimazeugen aus dem hohen Norden besuchen Gymnasium Langenhagen

Langenhagen (dl). Nein, eine McDonalds-Filiale gibt es in Grönland nicht, aber Cola werde dort hergestellt und weil das grönländische Wasser so besonders gut sei, sei diese Cola auch die Beste der Welt, heißt es. Außerdem werde Grönlands Hauptstadt Nuuk, im Süden der größten Insel der Erde, wegen der vielen Hochhäuser von den Bewohnern bereits scherzhaft „Nuuk York City“genannt. Am Mittwoch kamen im Rahmen eines Umweltprojektes und auf Einladung der Energy-AG des Gymnasiums Langenhagen drei junge Erwachsene aus Lappland, Sibirien und Grönland als „Klimazeugen“ in die Schule, um den Sechstklässlern über das Leben in den Polarregionen zu berichten. Die Lebensbedingungen der Völker, die dort leben und die durch den Klimawandel verursachten Veränderungen für sich und die regionale Flora und Fauna sind Fragen, mit denen sich die Schülerinnen und Schüler im Biologie- und Erdkundeunterricht auseinandersetzen.
Der 20-jährige Inuit Michael Cortzen aus Grönland beantwortete die vielen Fragen der sehr interessierten Schüler und erklärte ihnen unter anderem, warum man in seiner Heimatstadt achtstöckige Wohnhäuser baut. Der größte Teil Grönlands ist mit bis zu dreieinhalb Kilometer dickem Eis bedeckt und dort, wo es kein Eis gibt an den Küsten, ist der Boden felsig. Bauland ist also rar auf der Insel, deshalb die Hochhäuser. Ob dies aber die bereits bestehenden sozialen Probleme des Landes verbessern kann, bleibt abzuwarten. Jedenfalls lebt der Großteil der Bevölkerung überwiegend entlang der eisfreien Küsten im Süden und Südosten Grönlands. Trotzdem stehe die traditionelle Lebensweise der Inuit nach wie vor im Mittelpunkt, berichtete Michael Cortzen, dessen Name auf deutsche Missionare zurückgeht. Die Rentierjagd von August bis Oktober, die bis zu drei Viertel der Bevölkerung auf die Beine bringt, spiele zwar immer noch eine große Rolle im Leben der Inuit, aber die Tiere zögen sich immer weiter zurück und die Jäger müssten für die Jagd deshalb immer längere Wege zurücklegen als dies früher der Fall war. Durch den Temperaturanstieg hat sich auch die Jagd im Winter verändert. Sie ist für die Jäger gefährlicher geworden, denn das Eis auf dem Wasser ist dünner und damit weniger tragfähig als früher. Das beeinträchtigt natürlich auch das Leben der Eisbären, denn diese Tiere brauchen das Eis, um Fische und Robben jagen zu können. Dünnes Eis, oder noch schlimmer, gar kein Eis, stelle deshalb eine ernsthafte Bedrohung dar für die Eisbären. Und doch rechnet man damit, dass die Polarregion um das Jahr 2022 herum im arktischen Sommer vollständig eisfrei sein könnte. Der Nordpol sogar schon früher, etwa im Jahr 2015, und sollte irgendwann einmal das Grönlandeis komplett abschmelzen, so würde der Meeresspiegel weltweit um etwa sieben Meter ansteigen.
Anastasia Pavlovna Tolzina, eine Angehörige der Chanti, einem traditionellem Rentiernomadenvolk in Nordwestsibirien, der Same Jon Isak Lyngman Gaelok aus Nordnorwegen und Michael Cortzen, der aus Grönland kommt, sind auf Einladung der Jugendumweltorganisation JANUN und im Rahmen ihres europäischen Freiwilligenjahres in der Region Hannover zu Gast. Anlässlich der UN-Klimakonferenz im vergangenen Dezember in Kopenhagen sind diese drei Vertreter ihrer Völker aus dem hohen Norden in der Region unterwegs und in den Schulen, die sie besuchen, schildern sie anschaulich und aus eigener Erfahrung, welche ökologischen und kulturellen Auswirkungen die Klimaveränderungen bereits heute für sie hat. In den sehr sensiblen Ökosystemen des Nordens sind die Veränderungen durch den Klimawandel sehr viel stärker spürbar als hierzulande. So lag die Durchschnittstemperatur in der Arktis um fünf Grad über dem langjährigen Mittelwert. In den vergangenen 50 Jahren wanderten deshalb viele Tier- und Pflanzenarten jedes Jahrzehnt im Schnitt etwa sechs Kilometer Richtung Norden, und bisher unbekannte Pollen lösen bei den Menschen bereits Allergien aus.


Standen gern Rede und Antwort (von links): Michael Cortzen, Jon Isak Lyngman, Ugis Timenieks aus Lettland, Achim Riemann von JANUN und Anastasia Pavlovna Tolzina.Foto: D. Lange