Wenn im Wasser die Fäuste fliegen

Notwehr oder gezielte Provokation bei Punktspiel?

Langenhagen (ok). Schmusekurs ist beim Wasserball nicht angesagt – das ist in der Gerichtsverhandlung gegen Oliver B., Spieler beim RSV Hannover, vor dem Amtsgericht Hannover deutlich geworden. Gegenspieler Dirk R. vom SV Langenhagen ist der Körperkontakt allerdings entschieden zu weit gegangen. Nach seinen Ausführungen hat ihn der Angeklagte im letzten Spielabschnitt in den Finger gebissen. Zu allem Überfluss haber er ihn ins Gesicht geschlagen, als die Spielszene schon beendet, und er im Becken von ihm entfernt gewesen sei. R.: „Ich hatte den Eindruck, er hatte schon die ganze Spiel eine Rechnung mit mir offen.“ Das Spiel, um das sich alles dreht, ging am 18. Mai vergangenen Jahres in Herrenhausen über die Bühne, der RSV Hannover traf in einem Punktspiel der zweitniedrigsten Klasse auf die zweite Vertretung des SV Langenhagen. Und es war ein besonders körperbetontes Spiel, bei dem es richtig zur Sache ging. Darüber waren sich die beiden Kontrahenten vor Gericht durchaus einig. Überhaupt sei Wasserball sehr hart, die Gegner bekämpften sich, ein Griff in die Badehose sei durchaus mal an der Tagesordnung. Nur: Was sich R. Im letzten Viertel geleistet habe, vorher sei es zu keinem bewussten Zweikampf gekommen, ginge gar nicht: Er habe an der Badekappe gezogen, ihn stranguliert, unter Wasser in den Rücken getreten und auch noch geschlagen. So zumindest die Version B. Daraufhin habe er panisch um sich geschlagen und R. eben im Gesicht getroffen. Der allerdings will schon mehrere Scharmützel im Wasser ausgemacht haben. B. habe ihn schon im ersten Viertel grundlos getreten, R. Ihm daraufhin als „Warnung“ die Badekappe vom Kopf gezogen. „Ich bin bestimmt kein Engel im Becken“, gab er zu. Für B.s Anwalt ein Verhalten, das gar nicht geht: „Das ist lebensgefährlich, wenn Sie an der Badekappe ziehen“, schrieb er dem Nebenkläger ins Stammbuch, auch wenn er den Ball generell flach halten wolle. Im weiteren Spielverlauf hat R. die Schiedsrichterin, die Trainerin beim RSV ist und aus Sicht R.s das Spiel großzügig für den eigenen Verein geleitet hat, auf den 13er mit den Worten „Der kann doch nicht machen, was er will“ aufmerksam gemacht. Passiert sei allerdings nichts, und so sei es zu der entscheidenden Szene in Spielabschnitt vier gekommen. R. verteidigte den Center mit einem mulmigem Gefühl im Bauch, habe schon geahnt, dass es Ärger geben könne. Mit einem Faustschlag nach Beendigung der Spielsituation habe er aber nicht gerechnet. R.: „Die Schiedsrichterin konnte nichts sehen, der Ball war schon wieder auf dem Weg nach vorn.“ Die linke Lippe war aufgeplatzt, er schwamm an den Beckenrand, später wurde die Rissquetschwunde dann mit fünf Stichen genäht. Von seinem Kontrahenten im Wasser habe er Name und Anschrift am Beckenrand verlangt. Die Auskünfte habe er zwar bekommen, allerdings auch Sprüche wie „Ich wollte, dass du mal nachdenkst“ und „Wie man in den Wald hineinruft, schallt es heraus.“ Daran konnte sich B. beim besten Willen nicht erinnern, schüttelte bei vielen Ausführungen seines Gegenübers vehement. R. habe ihn vor allen Dingen deshalb angezeigt, weil eine Entschuldigung ausgeblieben sei. Das Ende vom Lied des Kampfes der beiden Wasserball-Veteranen mit insgesamt 60 Jahren Beckenerfahrung und viel Adrenalin im Blut: Wer Recht hat, lässt sich nicht beweisen; Aussage steht gegen Aussage; die Zeugenaussagen heben sich auf und Kameraaufzeichnungen gibt es nicht. Das Urteil von Richterin Anne Schulz: B. Muss 400 Euro an den Niedersächsischen Schwimmverband, Fachabteilung Wasserball, zahlen, das Verfahren wurde eingestellt. Im Wasser werden sich die beiden Vollblutsportler allerdings so schnell wohl nicht mehr wiedersehen, das Rückspiel der beiden Teams, das im März über die Bühne geht, findet nach Aussage R.s ohne ihn statt.