Wenn Zahnpastatuben zum Problem werden

Die Paarberatung nimmt in der Lebensberatungsstelle großen Raum ein

Langenhagen. Viele Menschen sind irgendwann in ihrem Leben von dieser Entwicklung betroffen: Ein Paar hat sich auseinander gelebt, aus der einstmals großen Liebe ist grauer Alltag geworden, man streitet über offene Zahnpastatuben und über die Kinder und weiß irgendwann einfach nicht mehr weiter. „Die Paarberatung ist in einer solchen Situation kein Wundermittel, aber sie bietet doch die Chance, sich über Zusammenhänge klar zu werden und neue Handlungsspielräume zu entdecken“, sagt Martina Ücker, Paar- und Familientherapeutin und Mitarbeiterin der Lebensberatungsstelle in Langenhagen. Das ECHO sprach mit ihr über die Möglichkeiten und auch die Grenzen der Paarberatung, die in der Arbeit der Lebensberatungsstelle großen Raum einnimmt.

ECHO: Welche Anlässe bringen denn die Paare dazu, sich Hilfe von außen zu suchen und zu Ihnen in die Beratung zu kommen?
Ücker: Äußerer Anlass kann ein Seitensprung sein, der Verlust oder ein Wechsel des Arbeitsplatzes, der Baby-Schock, den ein Paar erlebt, wenn das erste Kind geboren wird, oder der Tod eines Angehörigen oder Freundes. Als Anmeldegrund geben viele Paare Kommunikationsprobleme an – in Stresssituationen lässt häufig die Kommunikationsfähigkeit nach. Ein äußerer Anlass ist aber oft nur der letzte Anstoß, in die Beratung zu kommen, denn viele Paare stellen im Verlauf der Gespräche fest, dass der Ursprung ihrer Probleme weit zurück liegt und sie eigentlich schon vor fünf Jahren hätten kommen können.
ECHO: Ist in einer solchen Situation noch etwas zu retten, oder sind die Verhaltensweisen der Partner dann schon zu sehr eingefahren?
Ücker: Wie gesagt ist die Paarberatung kein Wundermittel, insbesondere dann nicht, wenn sich einer der Partner innerlich schon für die Trennung entschieden hat. Dennoch: Schon am Anfang einer Beratung, wenn wir mit einer „Sammelphase“ beider Partner beginnen, sortieren sich die belastenden Dinge oft wie von selbst und Zusammenhänge werden erkennbar. Das eröffnet Chancen.
ECHO: Was steckt denn tatsächlich dahinter, wenn einstmals verliebte Paare einander nur noch auf den Geist gehen und nichts Positives mehr am jeweils Anderen entdecken können?
Ücker: Das ist meist eine schleichende Entwicklung, durch die sich die Paare irgendwann in einer Situation wiederfinden, die beide Partner eigentlich nicht gewollt haben. In der Beratung nehmen wir wahr, dass die Ansprüche an sich selbst in den vergangenen Jahren gewachsen sind, mit ihnen aber auch die Erwartungen an Partner oder Partnerin. Oft handelt es sich dabei um stille, unausgesprochene Erwartungen – dann wird es besonders schwierig für eine Beziehung.
ECHO: Was hat es denn mit diesen stillen Erwartungen auf sich?
Ücker: Oft liegt ihnen eine Mystifizierung der Liebe zugrunde: „Wenn er mich wirklich lieben würde, würde er doch wissen, was mir fehlt …“ Dieses Modell wird häufiger von Frauen vertreten, ihnen gebe ich dann den Tipp, ihrem Mann ein bisschen Hilfestellung oder Nachhilfe zu geben. Die stillen Erwartungen der Männer orientieren sich oft an der eigenen Mutter, und häufig erkennen sie dieses Verhalten selbst erst im Gespräch darüber.
ECHO: Können Sie den Paaren noch mehr konkrete Tipps geben, um aus ihrer eingefahrenen Situation heraus zu kommen?
Ücker: Der Psychologe John Gottman hat es ungefähr so ausgedrückt: „Man braucht nichts dafür zu tun, dass eine Beziehung tödlich verläuft.“ Um sie am Leben zu halten, muss man aber sehr wohl etwas tun: sich auf das besinnen, was tatsächlich gut läuft; auch Banalitäten als Zeichen der Liebe erkennen; sich „Paarinseln“ schaffen; Anerkennung und Wertschätzung äußern. Psychologen haben festgestellt, dass auf eine negative Äußerung fünf positive folgen müssen, um wieder ein Gleichgewicht herzustellen – das Wort „Anerkennung“ hat folglich in meinen Beratungsgesprächen einen hohen Stellenwert. Ich werbe statt großer Visionen für kleine Schritte aufeinander zu, denn „Peanuts“ können sich summieren – in negativer wie in positiver Hinsicht.
ECHO: Kommen denn überwiegend ältere Paare zu ihnen, deren Liebe in vielen gemeinsamen Jahren verschlissen ist?
Ücker: Zunehmend sind es auch junge Paare, die Hilfe suchen: Sie leben nicht mehr den bekannten Rollenbildern entsprechend und erleben durch das Verlassen von Traditionen auch Verunsicherungen. In diesen Beziehungen ist gegenseitige Anerkennung für das, was der jeweils Andere leistet, ebenso wichtig wie Wertschätzung sich selbst gegenüber.
ECHO: Wie läuft eine Paarberatung ab? Gibt es dafür so etwas wie ein Schema, nach dem Sie vorgehen?
Ücker: Wenn Rat suchende Paare sich bei uns melden, vereinbaren wir einen Termin für ein Erstgespräch innerhalb von vier bis sechs Wochen. Die ersten drei Gespräche dienen der Suche und dem Sammeln: Was belastet und was tut gut, was gefällt mir am Partner, was fehlt mir im Alltag – diese und ähnliche Fragen kommen zur Sprache. Diesen Prozess moderiere ich und gebe viele Anregungen hinein, daran anschließend brauche ich dann einen Auftrag des Paares.
ECHO: Wie kann ein solcher Auftrag aussehen? Und was passiert, wenn die Partner ganz unterschiedliche Vorstellungen vom Ziel der Beratung haben?
Ücker: Die Zeit der Beratungsgespräche ist eine Ambivalenzphase: In moderierter Form – auch mit verschiedenen Gestaltungselementen – wird herausgearbeitet, ob es aus Sicht beider Partner noch eine gemeinsame Perspektive für die Zukunft gibt, oder ob eine Trennung der Weg ist, der notwendig wird. Der Auftrag kann also die gemeinsame Weiterentwicklung sein, aber auch die Schadensbegrenzung bei der Trennung. Falls einer der Partner sich in keiner Weise bewegt und alle Anregungen blockiert, beende ich die Paarberatung, vielleicht verbunden mit der Anregung an den anderen, zur Einzelberatung zu kommen. Eine dauerhafte Blockade habe ich allerdings selten erlebt.
ECHO: Wie viele Beratungsgespräche nehmen die Paare denn in Anspruch?
Ücker: Bis zu zehn, im Höchstfall 15 Gespräche, dann muss sich das Ausprobierte im Alltag bewähren. Bei der Gestaltung bin ich flexibel – es kann auch Pausen und später eine Wiederaufnahme der Gespräche geben. Der Erfolg liegt nicht in der Zahl der Gespräche.
ECHO: Und die Kosten?
Ücker: Pro Gespräch erbitten wir von Paaren 40 Euro Eigenanteil; diese Summe kann bei Bedarf auf 20 Euro ermäßigt werden.

Die Lebensberatungsstelle in Langenhagen, eine Einrichtung des Evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Burgwedel-Langenhagen, ist zu finden in der Ostpassage 11, zu erreichen unter der Telefonnummer (0511) 72 38 04 oder Lebensberatung@kirche-langenhagen.de. Informationen im Internet gibt es unter der Adresse www.lebensberatung-langenhagen.de.