Wenn Zeitgeschichte nebenan wohnt

Gisela Stolle und Valentina Erschowa sind mit Herzlichkeit verbunden. (Foto: G. Gosewisch)

Kinder von Tschernobyl sind erwachsen geworden

Schulenburg (gg). Ein besonderer Generationswechsel wurde nun in Schulenburg gefeiert. Gisela Stolle hat sich im Jahr 1993 der Initiative des Vereins Kinder von Tschernobyl angeschlossen. „Im Sinne der Menschlichkeit kann man doch gar nicht anders“, erklärt sie. Stark litt die Bevölkerung in der Ukraine und in Weißrussland unter der radioaktiven Verstrahlung nach der Katastrophe von Tschernobyl, der Explosion im Kernkraftwerk am 26. April 1986 nahe der ukrainischen Stadt Prypjat nördlich von Kiev. Die Symptome der Strahlenkrankheit, inzwischen auch Tschernobyl-Krankheit genannt, mit Hautschäden, Augenringen (Veränderungen des Blutbildes), dem charakteristischen Röcheln hat sie bei späteren Besuchen in Weißrussland bei vielen Menschen gesehen. „Als wir wiederkamen haben wir auch geröchelt, mussten Jodtabletten nehmen“, erinnert sie sich. Zehn Jahre lang hat Gisela Stolle in jedem Jahr für jeweils vier Wochen Gastkinder bei sich aufgenommen, um ihnen eine Erholung zu bieten. Valentina Erschowa kam das erste Mal als 9-Jährige zu Besuch, im Bus, ohne Eltern und noch nie von der Heimat entfernt. Angst habe sie schon gehabt, sagt sie nun als 30-Jährige rückblickend, doch eine große Hilfe sei es gewesen, dass ihre Gastmutter Gisela Stolle russisch sprach. Aus den Besuchen ist eine herzliche Freundschaft geworden, der Generationswechsel ist präsent. „Aus dem Kind von damals ist längst eine Frau geworden, im nächsten Jahr bin ich in Weißrussland in Mogilev zu ihrer Hochzeit eingeladen“, freut sich Gisela Stolle mit offener Herzlichkeit und weiter, „eigentlich wollte ich in meinem Leben nie wieder etwas mit Russen zu tun haben. Nun ist es ganz anders gekommen“. Die 82-Jährige stammt aus Königsberg, war bis 1951 als Kriegsgefangene in Irkutsk, verlor in der Zeit eine ihrer zwei Schwestern, fand die 12-Jährige am Strick aufgehängt ermordet auf. Grausam war die Zeit, das wird bis heute deutlich, wenn Gisela Stolle erzählt. Erst im Alter von 20 Jahren ist sie über Friedland nach Hannover gekommen, konnte Kontakt zu ihrem Vater aufnehmen.
Im Jahr 2000 erhielt sie die Niedersächsische Verdienstmedaille für vorbildliches Verhalten um den Nächsten.