Wiedereintritt

Sie hatte mich zu einer Tasse Tee eingeladen. Wir saßen im Wohnzimmer und sie wusste viel zu erzählen. Nicht immer war alles gut gegangen in ihrem langen Leben – mit ihr selbst und den vielen Kindern. Besonders um die Enkel machte sie sich Sorgen. Mal haben ihr die Nachbarn zur Seite gestanden, mal andere Leute – aber einmal war niemand für sie da gewesen. Besonders hatte sie sich dabei über ihren Pastor geärgert; sie war so enttäuscht, dass sie ihr Leben lang nichts mehr mit der Kirche zu tun haben wollte.
Aber jetzt wollte sie mir danken, dass die Eltern aus dem Konfirmandenunterricht sich so um ihren Enkel kümmern. Der Junge hat es gerade ziemlich schwer in seinem Leben, aber die anderen Mütter werfen abwechselnd ein Auge auf ihn, so dass er auf dem rechten Weg bleibt. Sie als Oma hatte ja beim Einkaufen nur einer der Frauen von ihrer Sorge erzählt und angedeutet, dass sie nicht so recht weiter wisse. Doch die andere habe nur gesagt: „Ich höre, dass du Hilfe brauchst, wir unterstützen dich und kriegen das schon wieder hin!“
Als sie das so erzählte, da verstand ich endlich, was sie eigentlich von mir wollte: Sie wollte wieder dazugehören! Sie wollte in die Kirche wieder eintreten. Ich bin aufgesprungen und schnell zum Auto gerannt. Dort habe ich immer ein Formular im Handschuhfach. Wir haben es dann zusammen ausgefüllt: ihren Namen und die Adresse eingetragen und, an welchem Tag sie geboren ist. Ich brauchte aber für den Wiedereintritt noch ihr Taufdatum. Das hatte sie nicht genau im Kopf und eilte ins Schlafzimmer: Dort hängt seit vielen Jahrzehnten ihre Konfirmationsurkunde über dem Bett, und da ist auch das Datum von ihrer Taufe festgehalten.
Es hat einen ganzen Moment gedauert, bis sie wieder ins Wohnzimmer kam. Ich konnte ihr ansehen, dass ihr eine Träne über die Wange gelaufen war, als sie sagte: „Ich habe doch damals nichts mehr mit Gott und den Leuten aus der Kirche zu tun haben wollen. Doch nun schauen Sie mal auf meinen Konfirmationsspruch: „Gott spricht“, steht da: „Rufe mich an in der Not, so will ich dir reichlich Hilfe schicken!"

Rainer Müller-Jödicke, Pastor