Zeit-Los

„Die Lebens-Zeit rast dahin, als flögen wir davon“. Die Erfahrung dieser alten Weisheit aus dem Psalm 90 hat wohl fast jeder Erwachsene gemacht. Während Zeit in der Kindheit und in der Jugend manchmal so langsam vergeht, dass die Langeweile zäh aus dem Ziffernblatt tropft, verrinnt die Zeit mit zunehmendem Alter immer schneller. Das Phänomen entsteht laut Forschung durch größere freie Zeitfenster in Kindheit und Jugend, aber auch einer ungeheuren Vermehrung von Erinnerungen und Abläufen im Gehirn der Älteren. Zeit ist neben Gesundheit das höchste Gut, das wir kennen. Erst dann kommt das Geld. Die Zeit, so wissen wir seit Albert Einstein, ist keine konstante Größe, sie vergeht im Universum durch verschiedene Geschwindigkeiten sehr unterschiedlich. Zeit ist etwas das sich der Mensch bisher nicht aneignen konnte. Sie ist etwas Göttliches. „Zeit ist Gnade“ steht deshalb wohl an manchem Kirchturm. „Ich habe keine Zeit“, ist dagegen das Motto unserer Gegenwart. Das hören Menschen immer öfter aus dem Munde der Lebenspartner, der Eltern und Freunde. Unsere Lebensabläufe sind eindeutig feststellbar schneller geworden. Und das nicht nur zu unserem Besten. Während Nachrichten, Mails, Wirtschaftsabläufe rund um die Welt global, schnell und scheinbar komfortabel verlinken, merkt der Einzelne, wie zunehmend die Lebenszeit knapp wird. Immer schneller bedeutet letztlich einen Verlust an Lebensqualität. Es ist ein Leben, das den Lebensablauf nur noch aus dem ICE-Fenster ansehen kann, ohne innerlich noch richtig beteiligt zu sein. Wir hasten und rackern – für mehr Zeit, eine Lebensqualität, die sich aber einfach nicht ergibt. Das Streben nach immer mehr hat unser Sinnsystem fast nahezu entleert. Die materiellen und nicht immer nötigen Dinge, für die wir uns abmühen, kosten uns unsäglich viel Lebenszeit: „Leistung, Geld und Macht“. Viele Menschen bleiben dabei auf der Strecke, weil sie einfach nicht mithalten können. Der Mensch ist vor Gott nicht gerechtfertigt durch seine Werke, sondern allein durch seinen Glauben und durch die Gnade Gottes, hat Martin Luther vor 500 Jahren schon sehr weise erkannt. Für uns heute könnte das ein Anstoß sein, gesamtgesellschaftlich darüber nachzudenken, ob wir uns nicht auf einem Irrweg befinden. Ruhezeiten, Langsamkeit und Müßiggang und ein Gewinn an Gemeinschaft und Freundschaft könnten ja auch so etwas wie ein Konjunkturprogramm werden. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen auf dass wir klug werden“ (Psalm 90,12).
Falk Wook, Pastor