Zentimetergenau mit einem winzigen Joystick

Bei der Arbeit mit der Drehleiter kommt es auf Fingerspitzengefühl an.

Maschinisten an der Drehleiter ausgebildet

Langenhagen. Die reinen Zahlen sind beeindruckend: 18 Tonnen schwer, 330 PS stark, 30 m langer Leiterpark, der ein Anleitern im elften Obergeschoss ermöglicht, ein Rettungskorb mit einem Aufnahmegewicht von 450 Kilogramm und mehr als 600.000 Euroteuer. Die Abkürzung DL(A)K 23/12 hingegen wirkt eher nach staubigem Beamtendeutsch. Sei es drum. Kaum zu glauben, aber gesteuert wird das hochmoderne Rettungsmittel mit nahezu winzigen Joysticks. Zentimetergenau. Einzige Voraussetzung: eine fundierte Ausbildung und eine ruhige Hand.
In den vergangenen zwei Wochen wurden sieben Einsatzkräfte (fünf aus der Stadtfeuerwehr, eine von der Flughafenfeuerwehr und eine von der Ortsfeuerwehr Altwarmbüchen) in der Bedienung der Drehleiter ausgebildet. Grundsätzlich ist die Ausbildung der Feuerwehr in der Feuerwehr-Dienstvorschrift 2 geregelt. Man mag meinen, dass auch die Ausbildung der Maschinisten von Hubrettungsfahrzeugen dort geregelt ist. Doch weit gefehlt. Der Gesetzgeber hat es schlichtweg unterlassen, eine etwaige zentrale Ausbildungsvorschrift zu erlassen. Aus diesem Grund ist die Ausbildung für den Umgang mit einer Drehleiter nicht festgelegt. Das Informationsportal Drehleiter.Info arbeitet bereits seit Jahren daran, dass die Empfehlung der AGBF in die Musterausbildungsordnung der Feuerwehren einfließt und als Mindeststandard verbindlich vorgeschrieben wird. So lange sind die Feuerwehren in der Ausbildung von Hubrettungsmaschinisten auf eigene Konzepte angewiesen.
Stefan Medelnik, Mitglied der Stadtfeuerwehr Langenhagen, wurde durch Hersteller aller gängigen Drehleitermodelle ausgebildet. Angelehnt an Empfehlungen der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren (AGBF) entwickelte Medelnik einen 45-stündigen Lehrgang. Zusammen mit Jens Heindorf und Wolfgang Hofmann nahm Medelnik nun die Prüfung ab.
Die Besatzung einer Drehleiter setzt sich aus drei Positionen zusammen, die jeweils einen festgelegten Aufgabenbereich abarbeiten. Der Fahrzeugführer empfängt vom Einsatzleiter den Einsatzauftrag. Er bemisst die Abstände zum Anleiterobjekt und möglichen Hindernissen und legt mit einer blauen Blitzleuchte den Mittelpunkt des Drehkranzes fest. Erst das gewissenhafte Bemessen der Abstände vom Objekt ermöglicht den optimalen Einsatz der Drehleiter. Beim Festlegen des Drehkranzmittelpunktes kommt die HAUS-Regel zur Anwendung. In die Entscheidung des Fahrzeugführeres werden dadurch eventuelle Hindernisse, Abstände zu Objekten, dem Untergrund und die Sicherheit (Wetterlagen wie etwa Gewitter) einbezogen.
Der Maschinist befindet sich während des gesamten Drehleitereinsatzes am Hauptbedienstand. Ihm obliegt die Fahrbewegung im Anleitervorgang und die Kontrolle der vom Korb aus durchgeführten Bewegungen. Er hat dabei immer den Überblick über den gesamten Leiterpark und kann auf Hindernisse reagieren. Einzig wenn der Korbarm zum Beispiel hinter einem Dachfürst abgesenkt wird, ist der Maschinist auf Hinweise der Korbbesatzung angewiesen.
Durch das dritte Truppmitglied wird das Umfeld der Drehleiter abgesichert und Aufbauten (Krankentragenhalterung, Wasserwerfer und so weiter) installiert. Stichwort Wasserwerfer, im Feuerwehrjargon auch als Wenderohr bezeichnet. Gelehrt wurde in dieser Hinsicht der personalschonende Einsatz des Wasserwerfers. Dabei wird der Wasserwerfer am Korb installiert und ausgerichtet. Der Wasserstrahl kann im ausgefahrenen Zustand, durch manuelle Veränderungen der Korbneigung und Drehungen des Leiterparks, verändert werden. Ebenfalls umfasste der Lehrplan den Notbetrieb der Drehleiter, über den der Leiterpark trotz Ausfall der Hydraulik zurückgefahren werden kann.
Während der praktischen Prüfung wurden verschiedene Einsatzlagen angenommen. Zum Beispiel kann der Korb zur schnellen Rettung von Personen auf einem Objekt abgelegt werden. Das zentimetergenaue Ablegen des Korbes erfordert Fingerspitzengefühl des Maschinisten und Absprache mit dem anleitenden Fahrzeugführer.
In einer weiteren Prüfung galt es die 18 Tonnen schwere Drehleiter in eine gewollte Schieflage von bis zu zehn Prozent zu bringen. Bei Unterflureinsätzen (Baugruben, Hafenbecken und so weiter) kann die Rettungstiefe der Drehleiter so vergrößert werden.
Apropos Abstützung: Wesentlich für die Rettungshöhe ist die zur Verfügung stehende Abstützbreite. Bei voller Abstützung werden an der Einsatzstelle 4,85 Meter benötigt. Hingegen sind bei einseitiger Abstützung immer noch 3,50 Meter erforderlich. Dabei ist der Einsatzbereich allerdings stark eingeschränkt. Es ist deshalb besonders schwierig, die Drehleiter in engen Straßen aufzubauen.
Das A und O des Drehleitereinsatzes ist die gewissenhafte Anwendung der HAUS-Regel mit dem Festlegen des Drehkranzmittelpunktes. Wurde der Punkt genau bestimmt, kann die Leiter für Maßnahmen in einer Halle eingesetzt werden. Ferner kann sie etwa durch das enge Ständerwerk eines Silos gesteuert und auf der anderen Seite an ein weiteres Silo angeleitert werden.
Der Lehrgang wurde von allen sieben Teilnehmern erfolgreich abgeschlossen. Sie sind damit legitimiert, mit dem teuren aber sehr vielfältig einsetzbaren Fahrzeug umzugehen. Herzlichen Glückwunsch! Die Drehleiter war im Jahr 2016 übrigens genau 157 Mal im Einsatz und damit das am meisten ausgerückte Einsatzfahrzeug der Stadtfeuerwehr.